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Poetischer Planet Drucken E-Mail
1. Das erste Lied aus Gustav Mahlers symphonischen Liederzyklus Das Lied von der Erde: Das Trinklied vom Jammer der Erde (mit Anmerkungen zu den Änderungen Gustav Mahlers gegenüber der Vorlage Hans Bethges)
2. Ann Cotten: Übertön crackle, aus dem Debutband der Dichterin 2007: Fremdwörterbuchsonette

1. Das Lied von der Erde
Das Trinklied vom Jammer der Erde

Schon winkt der Wein im goldnen Pokale,
Doch trinkt noch nicht, erst sing ich euch ein Lied!
Das Lied vom Kummer [soll auflachend
in die Seele euch klingen]1. Wenn der Kummer naht,
[liegen wüst die Gärten der Seele,
Welkt hin und stirbt die Freude, der Gesang.]2
Dunkel ist das Leben, ist der Tod.
[Dein Keller birgt des goldnen Weins die Fülle]4

Herr dieses [Hauses!
Dein Keller birgt die Fülle des goldenen Weins!]3
Hier, diese [lange]4 Laute nenn' ich mein!
Die Laute schlagen und die Gläser leeren,
Das sind [die]5 Dinge, die zusammen passen.
Ein voller Becher Weins zur rechten Zeit
Ist mehr wert, als [alle]6 Reiche dieser Erde!
Dunkel is das Leben, ist der Tod.

Das Firmament blaut ewig und die Erde
Wird lange [fest stehen und aufblühn im Lenz.]7
Du aber, Mensch, wie lang lebst denn du?
Nicht hundert Jahre darfst du dich ergötzen
An all dem morschen Tande dieser Erde,
[Nur ein Besitztum ist dir ganz gewiss:
Das ist das Grab, das grinsende, am Erde.
Dunkel ist das Leben, ist der Tod.]4

Seht dort hinab!
Im Mondschein auf den Gräbern hockt
eine wildgespenstische Gestalt – Ein Aff ist's!
Hört ihr, wie sein Heulen hinausgellt
in den süßen Duft des [Lebens!]8
Jetzt [nehm]9 den Wein! Jetzt ist es Zeit, Genossen!
Leert eure goldnen Becher [zu]10 Grund!
Dunkel ist das Leben, ist der Tod!



1 Bethge: „soll euch in die Seele / Auflachend klingen!“
2 Bethge: „So stirbt die Freude, der Gesang erstirbt, /
Wüst liegen die Gemächer meiner Seele.“
3 Bethge: „Hauses, – ich besitze andres:“
4 omitted by Mahler
5 Bethge: „zwei“
6 Bethge: „die“
7 Bethge: „feststehn auf den alten Füssen,“
8 Bethge: „Abends“
9 Bethge: „nehmt“
10 Bethge: „zum“

Aus: Die chinesische Flöte. Nachdichtungen chinesischer Lyrik, Band 1,
YinYang Media Verlag.


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2. Ann Cotten
Übertön crackle

From the deep woods emerging my voice coughs
twigs and sticks


Im Urwald, wo die wilden Wörter wohnen,
befand ich mich, als ich das Einhorn ritt.
Ich sah, wie ich dort bleiben hätte können,
verlangsamte jedoch um nichts den Schritt.

Es war ein leises Raunen in den Bäumen
Wie ich auch verquickt die Ohren spitzte,
verstand ich doch kein Wort. Die Wege säumen
Unwege, die das Einhorn einst für andere ritzte.

Und im Vorbeigetragenwerden flogen
Waldöffnungen und Wege, Lichtungen,
an denen jemand mal gelagert hatte,
vorbei. Ich hätte wohl nicht sagen können,
warum Unheil vom Stehenbleiben mir zu drohen
schien. Wir rannten lieber schnell im Schatten

der Blätter, deren Wechselhaftigkeiten
genau das schien, was ich vom Wäldchen hoffte;
mit mir hatte das allerdings nur dann zu schaffen,
wenn Schatten sich auf mein Entgleiten legten.
So rannten wir recht fleißig hin und her
Und machten Spuren in das feuchte Laub.
Das Knistern, das verging sehr bald,
war aber kehrten um und machten mehr.

An den Tyrannen liefen wir vorbei,
lachten von fern ihre Kamine aus,
stahlen die Äpfel ihren Augen, als sie schliefen,
und bissen, dass der Saft nur spritzte, rein.
Davon bekam das Einhorn Kolik. Riefen
den Arzt. Dem zogs die Ohren kraus.

„Dass glänzend Wahrheiten euch nicht behagen,
braucht man euch doch in diesem Alter nicht mehr sagen.
Knackige Formulierungen verdrehen euch den Magen,
knackt lieber Zweige, Codes und Rätselfragen!“

Mit Zweigen spielte ich, bis mir die Stücke,
zu klein geworden, durch die Finger fielen.
Ich wagte kaum jemals, auf Codes zu schielen.
Als mich das Einhorn fragte, was mich bedrückte,

sag ich, ich muss jetzt weiter, liebes Einhorn,
in diesem Wäldchen komm ich niemals auf den Punkt.
Ich küss es auf die Schnauze, geh davon.
Richtung zurück, ohne Eile. Zwar ist schon
Weit hinter mir das Ziel verschwunden;
Ich hoffe nur, du schläfst noch unterm Baum da vorn.



Aus: Ann Cotton: Fremdwörterbuchsonette. Gedichte.
Suhrkamp, Frankfurt/Main, 2007

Ann Cotten
Geb. 1982 in Iowa, lebt seit 1987 in Wien, seit 2006 in Berlin. Nachdem sie auf Poetry Slams als Dichterin in Erscheinung getreten war und Gedichte sowie Prosa in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht hatte, erschien 2007 der Gedichtband Fremdwörtersonette im Suhrkamp-Verlag. Es folgten: Nach der Welt. Die Listen der konkreten Poesie und ihre Folgen, Klever, Wien 2008; Glossarattrappen, AusnahmeVerlag, Hamburg 2008; Das Pferd Sukultur 2009.
Auszeichnungen: Reinhard-Priessnitz-Preis 2007, Clemens-Brentano-Preis 2008.