| Galaxien - Essay 4 Die Kiefern des Meng Hao-Ran |
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Hans-Walter Lack Die Kiefern des Meng Hao-Ran Über die sechs von Mahler aus dem Zyklus Die chinesische Flöte von Hans Bethge, Leipzig, 1907 für Das Lied von der Erde ausgewählten Gedichte (Das Trinklied vom Jammer der Erde, Der Einsame im Herbst, Von der Jugend, Von der Schönheit, Der Trunkene im Frühling und Der Abschied) liegt ein umfangreiches Schrifttum vor. Faszinierend ist dabei die Metamorphose der Texte. Ausgangspunkt für die sechs Lieder sind acht Gedichte, verfasst von vier Schriftstellern der Tang-Zeit (618 – 917) – Li Bai, Qian Qi, Meng Hao-Ran und Wang Wei, von denen Li Bai (701 –762) als der bekannteste gilt. Er soll ein außerordentlich umfangreiches lyrisches Werk hinterlassen haben, einige seiner Kalligraphien werden im Palast-Museum in Peking aufbewahrt. In einem seiner berühmtesten Gedicht schildert etwa Li Bai wie er sich mit einem Krug Wein zurückzieht und mit seinem Schatten und dem Mond anstößt, nachgedichtet von Ernst Josef Schwarz unter dem Titel Gelage im Mondschein. Mahlers Lieder Das Trinklied vom Jammer der Erde und Der Trunkene im Frühling beziehen sich auf Verse von Li Bai, die ebenfalls von den Freuden des Weingenusses handeln. Entstanden im goldenen Zeitalter der chinesischen Lyrik wurden die acht Texte von dem Sinologen Marie Jean Léon le Coq, Baron d’ Hervey, Marquis de Saint-Denis bzw. der Schriftstellerin Judith Gautier im späten neunzehnten Jahrhundert in freier Form ins Französische übertragen. Dabei verschmolz Le Coq Baron d’ Hervey das Gedicht Aufenthalt in der Berghütte des Lehrers, vergebens wartend auf den Freund von Meng Hao-Ran mit den Gedichten Abschied und Abschied in den Bergen, beide von Wang Wei, zu einem Text, der den Titel L’adieu erhielt. Auch bei den anderen Texten kann man lediglich von Nachdichtungen sprechen. Hans Bethge, der über keine Kenntnisse der chinesischen Sprache verfügte, übertrug in freier Form die französischen Nachdichtungen ins Deutsche. Und Mahler griff schließlich in Bethges Nachdichtungen erneut ein und schuf jene Fassungen, die wir aus dem Lied von der Erde kennen. Dass sich der Text dabei schrittweise vom Original entfernte, versteht sich von selbst: Verse wurden gestrichen, andere hinzugefügt oder ergänzt, ja ein Gedicht bekam teilweise einen anderen Inhalt, dennoch blieben selbst die veränderten Fassungen der Lyrik der Tang-Zeit recht eng verbunden. Der Mahler-Kenner Teng-Leong Chew erkennt bei der Übertragung chinesischer Lyrik in indoeuropäische Sprachen drei grundsätzliche Probleme: (1) Während in den indoeuropäischen Sprache eine festgelegte Wortfolge vorliegt, ist dies im Chinesischen kaum der Fall, insbesondere nicht bei Gedichten. Außerdem kennt die chinesische Sprache keine Zeiten und nur sehr wenige Fürwörter. Der gleichsam schwebend – unbestimmte Charakter der Verse lässt sich nur schwer in eine indoeuropäische Sprache übertragen. (2) Während der Tang-Zeit wuchs der Einfluss von buddhistischer Philosophie in der Dichtung, wie er sich insbesondere im Trinklied vom Jammer der Erde widerspiegelt. Nur wer mit dieser Denkrichtung vertraut ist, kann die tiefere Bedeutung des dreimal wiederholten „Kummer kommt“ bei Li Bai erfassen, Gedanken, die bei Bethge und Mahler grundlegend verändert im zweimal wiederholten „Dunkel ist das Leben, ist der Tod“ zum Ausdruck gebracht werden. (3) Auch in der chinesischen Sprache existieren mehrdeutige Worte, die bei Übersetzungen bzw. Nachdichtungen verloren gehen. Teng-Leong Chew nennt als Beispiel das Gedicht Bankett im Pavillon der Familie Tao von Li Bai, das bereits in der französischen Nachdichtung Le pavillon de porcelaine heißt. Tao bedeutet Porzellan, ist aber gleichzeitig auch ein Familienname. Bauwerke aus Porzellan wie etwa Pavillons gab es nämlich gar nicht, so dass man wohl von einem Übersetzungsfehler sprechen muss. Hinzu kommt der Verlust von Konnotationen. Drei Pflanzennamen werden in den acht Gedichten genannt, die eindeutig identifiziert werden können: (1) Lotus (Nelumbo nucifera L.), im Chinesischen lián, der korrekt übersetzt im Lied Von der Schönheit vorkommt, wo von den Lotus pflückenden Mädchen berichtet wird. Dabei ist an Früchte und Blätter zu denken, nicht an die Blüten. Die Nebenbedeutung „Reinheit“, die auf den Kontrast zwischen den unterirdischen Pflanzenteilen im Schlamm, den Stängeln im Wasser und den über der Wasseroberfläche herausragenden Blattspreiten und Blüten hinweist, erschließt sich in Europa nicht – die Pflanze ist dort nicht heimisch und nur in Kultur bekannt. (2) Kiefer (Pinus spec.), im Chinesischen song, bei Bethge und Mahler fälschlicherweise als Fichte (Picea abies (L.) H. Karst.), einem in China nicht vorkommenden Baum, übersetzt, steht bei Meng Hao-Ran im Gedicht Aufenthalt in der Berghütte des Lehrers, vergebens auf den Freund wartend im Kontext nächtlicher Kühle. Die Konnotation „langes Leben“ wird üblicherweise außerhalb Chinas nicht mit dieser Baumart in Verbindung gebracht, die gemeinsam mit den Elementen Mond, Stein und Bach in der chinesischen Lyrik für den Einsiedler steht. (3) Pappel (Populus spec.), im Chinesischen yáng, im Lied vom Pflücken des Lotus von Li Bai findet sich schon bei Le Coq, Baron d’ Hervey möglicherweise fälschlich als „saule[s] pleureur[s]“ (Salix babylonica L. /Trauerweide) übersetzt. Bethge bleibt bei dieser Interpretation, und Mahler macht aus der Trauerweide die Weide (Salix spec.). Diese Bezeichnung findet sich im Lied Von der Schönheit im Zusammenhang mit jungen Männern. Weide besitzt im Chinesischen die Nebenbedeutung „Frühling, sexuelles Verlangen“, was im Gedicht Sinn machen könnte, denn in den vorangegangenen Versen wird von den Lotus pflückenden Mädchen berichtet. Trotz ihrer komplexen Metamorphose und des Verlustes an Konnotationen erweisen sich die von Mahler erneut veränderten Texte als nicht wesentlich verschieden von den Versen aus der Tang-Zeit und stehen damit im Gegensatz zu der Musiksprache des Liedes von der Erde. Getragen wird nämlich Mahlers Musik ausschließlich von europäischen Instrumenten, nur im „Abschied“ tritt ein einzigen chinesisches Instrument hinzu – das Tam Tam, das mit seinem dumpfen Ton diesem letzten der sechs Lieder eine besondere, chinesisch anmutende Klangfarbe verleiht. Mahler war aber bei seiner Arbeit selbst zum Lyriker geworden: einen einzigen, aus fünf chinesischen Zeichen bestehender Vers von Wang Wei und dessen Bild von den weißen Wolken verwandelte Mahler in die Schlusszeilen des „Abschieds“, in dem er dichtet „Die liebe Erde allüberall blüht auf im Lenz und grünt aufs neu! Allüberall und ewig blauen licht die Fernen!“. Gefolgt von dem viermal wiederholten, immer leiser werdenden, fast atmenden „ewig“ endet „Das Lied von der Erde“. *** Der Text von Prof. Lack ist ein Originalbeitrag für den Kosmos Österreich Nr. 34. Hans-Walter Lack 1949 in Wien geboren, wo er 1973 in Biologie an der Universität Wien promovierte. Anschließend Assistent an der Universität Salzburg und Alexander-von-Humboldt-Stipendiat in München. Ab 1977 Kustos am Botanischen Garten und Botanischen Museum in Berlin, 1981 Habilitation, 1990 Ernennung zum Direktor des Botanischen Museums. Seit 1991 lehrt Hans-Walter Lack als apl. Professor am Institut für Biologie. Kurzdozenturen führten ihn an verschiedene europäische Universitäten (Palermo, Coimbra, Patras etc.). Er hat zahlreiche Ehrungen erhalten, unter anderem die OPTIMA-Medaille in Silber von der Internationalen Vereinigung zur phytotaxonomischen Erforschung des Mittelmeerraums (2001), den Buchpreis der Deutschen Gartenbaugesellschaft (2001) und die Sibthorp-Medaille der Universität von Oxford (2001). Seit 2007 ist er Träger des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse. |


