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Galaxien - Essay 1 Das Lied von der Erde Drucken E-Mail
Jens Malte Fischer
Das Lied von der Erde
Aus: Gustav Mahler. Der fremde Vertraute.

Das Lied von der Erde hat den Verehrern wie den Exegeten Mahlers Rätsel aufgegeben. Daß es sich hier um eines seiner bedeutendsten Werke handelte, war bald klar, aber um was handelte es sich hier eigentlich gattungsgeschichtlich? War es ein Orchesterliedzyklus, wie der Obertitel besagt, oder war es doch eine Symphonie mit Sing stimmen, wie es der Untertitel will: Eine Symphonie für eine Tenor-und eine Alt- (oder Bariton-) Stimme und Orchester? Mahler scheint zunächst die erste Möglichkeit angesteuert zu haben, also ein Format, das beispielsweise in Berlioz’ Nuits d’été vorgebildet war. Das Ziel, die bisher übliche strikte Trennung, ja geradezu antithetische Gegenüberstellung von Symphonie einerseits und Lied andererseits aufzuheben, scheint bei der Arbeit an den einzelnen Liedern immer mehr in den Vordergrund getreten zu sein, und heraus kam „eine der radikalsten Gattungsverschränkungen der bisherigen Musikgeschichte“*. Tragen die mittleren drei Lieder (Von der Jugend, Von der Schönheit und Der Trunkene im Frühling) sowohl im Charakter wie im Umfang noch am deutlichsten den Liedertypus in sich, so reicht schon das einleitende Trinklied vom Jammer der Erde in seinem dramatischen Aplomb und seinem rund acht Minuten dauernden Ablauf darüber hinaus, erst recht der abschließende Abschied mir knapp 30 Minuten Dauer (also fast so umfangreich wie die fünf vor angebenden Teile zusammen), der wahrlich kein Lied mehr
ist, welche Definition man auch zugrunde legen mag, sondern ein großes vokalsymphonisches Schlußadagio, wie es Mahler (ohne Singstimme) in der Dritten geschrieben hatte und in der Neunten noch schreiben sollte. Recht eigentlich ergibt sich eine Entscheidung für einen Schwerpunkt auf dem Symphoniebegriff von diesem Schluß her, ohne daß dadurch der Liedbegriff völlig zu suspendieren wäre. Ein Geheimnis der ungewöhnlichen Wirkung des Werks liegt in der Coincidentia oppositorum, der Vereinigung des eigentlich Unvereinbaren, Lied und Symphonie, die hier gar nicht herrisch wie sonst bei Mahler unter ein gemeinsames Joch zusammengezwungen werden, sondern ineinanderfließen, als ob sie am Ende einer langen Traditionskette stünden. Die Kühnheit des Konzepts wird durch die pure Selbstverständlichkeit seiner Realisierung aufgehoben.

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* Hermann Danuser, Gustav Mahler und seine Zeit 1991


Der Text von Jens Malte Fischer wurde mit Erlaubnis des Autors aus: Jens Malte Fischer, Gustav Mahler. Der fremde  Vertraute. Biographie. Zsolnay: Wien 2003, (S.691/692) entnommen.

 

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Jens Malte Fischer
Geboren 1943 in Salzburg. Studierte Germanistik, Geschichte und Musikwissenschaft sowie Gesang in Saarbrücken und München. 1982 bis 1989 Professor für Neuere Deutsche, Vergleichende und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität-GH-Siegen und seit 1989 Professor für Theaterwissenschaft an der Universität München, emeritiert 2009. Er beschäftigt sich vornehmlich mit der Kultur der Jahrhundertwende um 1900, der Geschichte der deutsch-jüdischen Kultur, der Geschichte der Oper und des Sprechtheaters seit dem 18. Jahrhundert. Veröffentlichungen u.a.: Vom Wunderwerk der Oper. Wien 2007; Gustav Mahler. Der fremde Vertraute. Biografie. Wien 2003; Carlos Kleiber – der skrupulöse Exzentriker. Göttingen 2002; Richard Wagners „Das Judentum in der Musik“. Eine kritische Dokumentation. Frankfurt am Main 2000; Jahrhundertdämmerung. Ansichten eines anderen Fin de siecle. Wien 2000.