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Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Freunde des Kosmos Österreich!
Einmal mehr folgen wir den kosmischen Zyklen und beginnen ein neues Jahr auf dieser Erde, für das ich Ihnen alles  erdenklich Gute und Schöne wünsche.

Der Kosmos steht dem Chaos gegenüber, nicht dem „Geos“. Im Gegenteil, er ist Kosmos des „Geos“, nicht ein Himmel zur Erde, sondern die in, auf und von der Erde (und ihrem Himmel) aus wahrnehmbare Ordnung des Ganzen. Wer für ein Druckwerk verantwortlich zeichnet, in dessen Titel der „Kosmos“ aufscheint, kommt daher nicht darum herum, sich immer wieder der Erde (und ihres Himmels) zu erinnern. Nichts Menschliches, nichts Tierisches, nichts Himmlisches sollte ihm fremd, all dieses Irdische sollte ihm wertvoll sein.

Ein Mitbewohner unseres und besonders des österreichischen Kosmos, der diese kosmische Gesinnung stark und rein lebte,
wird uns in den beiden vor uns liegenden Jahren vermehrt begegnen. Vor 150 Jahren, am 7. Juli 1860 in Böhmen als Sohn einer deutschsprachigen jüdischen Familie geboren, vor beinah schon 100 Jahren am 18. Mai 1911 in Wien gestorben: Gustav Mahler. Gustav Mahler war nicht einfach nur ein großer Komponist, ein berühmter Dirigent, ein bedeutender Theatermanager, nicht einmal nur eine schillernde Persönlichkeit des Wiener „Fin de siècle“; Mahler war ein „Kristallisationsmensch“. In Mahler verdichten sich Raum und Zeit zu einem Kristall mit Menschenantlitz, aus dem uns all die Traditionen und Tendenzen, Sehnsüchte und Säumnisse, Beharrungen und Brüche, Untergänge und Utopien einer ganzen Epoche in einer ganzen Region oder gar eines ganzen Kontinents anblicken. Aus dem „Kristall Mahler“ lässt sich herauslesen, was Österreich und ein Österreicher war, ist und sein kann, was Denken, Fühlen, Forschen, Dichten, Entwerfen, Singen unserer Groß- und Urgroßeltern zuinnerst beunruhigte, beschäftigte und beherrschte, und woraus wir bis zu einem gewissen Grad auch heute noch schöpfen. In Abwandlung des Diktums von Claudio Magris über den „Habsburgischen Mythos in der Literatur der österreichischen Moderne“, kann wohl mit Fug und Recht vom „Mythos Mahler in der Musik des 20.und 21. Jahrhunderts“ oder mit ein wenig Kühnheit auch von einem „Mahler- Mythos“ in der Kultur- und Geisteszeitgeschichte gesprochen werden.

Dieser Kristallisationsmensch soll in diesen beiden Jahren Ausgangs-, Referenz- und letztlich auch wieder  ristallisationspunkt
für die Aktivitäten des Kulturforums sein. Das Motto für den erwähnten Zeitraum folgt Titel und Inhalt eines  Kristallisationswerkes des Kristallisationsmenschen: Das Lied von der Erde. Mahlers posthum – klischeetypisch österreichisch – im November 2011 uraufgeführtes Meisterwerk soll eine Orientierungshilfe in der Wahl der Projektschwerpunkte sowohl in thematischer als auch in formaler Hinsicht geben. Dies bedeutet etwa eine Konzentration auf das „Thema Erde“ in all seinen kulturgeschichtlichen, kunstvermittelten, aber auch naturwissenschaftlichen und politischen Implikationen. Gustav Mahlers Erd- bzw. Naturverbundenheit ist legendär: Bereits vor dem Lied von der Erde zog der vielbeschäftigte „Musikstar“ sich immer wieder in seine abgeschiedenen „Komponierhäuschen“ an Wörther- und Attersee zurück; seine 3. Symphonie stellte er gewissermaßen unter das Thema „Natur“, worauf auch eine von Bruno Walter erzählte Episode anspielt: „Als mein Blick auf unserem Wege nach seinem Haus auf das Höllengebirge fiel, dessen starre Felswände den Hintergrund der sonst so anmutigen Landschaft bilden, sagte Mahler: „Sie brauchen gar nicht mehr hinzusehen – das habe ich schon alles wegkomponiert“.* Dieses „weg“ lag auf dem Weg Mahlers, der ihn vom spätromantischen Symphonievollender über den experimentierfreudigen Neutöner zum zeitlosen Ewig-Sänger werden ließ. Die Erde, die Liebe zu ihr und die Sorge um sie haben sein Lied stets inspiriert, posthum wurden sie zu diesem Lied. In unseren Projekten wie auch in der Themenwahl und den Beitragsformen des „Kosmos“ werden wir versuchen, Mahlers Weg bis zur Kulmination im Lied von der Erde auf unsere Weise nach- und weiterzugehen. Im Poetischen Planeten wird jeweils eines der vertonten Gedichte des großen symphonischen Liederzyklus vorgestellt werden, unsere Reihe Europäische Liederabende wird immer wieder Mahlers Natur- Liebes- und Todeslieder aufweisen, und münden sollen diese Bemühungen in einen Novemberabend 2011, an dem das Lied von der Erde 100 Jahre nach seiner Premiere in der von Mahler genehmigten Klavierfassung bei uns im Hause erklingen wird.

Anfangen muss eine seriöse Beschäftigung mit diesem Kristallisationswerk des Kristallisationsmenschen Gustav Mahler wohl mit einer behutsamen Einführung in die Innenwelt des Kristalls. Einem der führenden Musikwissenschaftler und Mahler-Experten des deutschen Sprachraums, Jens Malte Fischer, ist dies in seiner großen Mahler-Biographie auf eine unübertreffbar kompakte Weise gelungen. Wir freuen uns, die entsprechende Passage mit der ausdrücklichen Erlaubnis des Autors abdrucken zu können. Wie ein Astrophysiker das auditive Profil der Erde empfindet, beschreibt der aus Österreich stammende Direktor des Astrophysikalischen Instituts Potsdam Klaus Strassmeier in einem Originalbeitrag für den Kosmos. Von welch beachtlicher Relevanz die Welt der Pflanzen in Mahlers Kosmos ist, erarbeitet – einige Stufen der Konkretion weiter – der österreichische Botaniker und Leiter des Botanischen Gartens und Botanischen Museums in Berlin-Dahlem Hans-Walter Lack. Ferner begegnet uns im Porträt die in Berlin lebende österreichische „Location Scout“ Iris Czak, deren Profession es ist, „filmbare“ Örtlichkeiten in einem uns vermeintlich bekannten Winkel dieser Erde – der Stadt Berlin – aufzuspüren. Linolschnittabbildungen des bekannten Malers Gerhard Gutruf und ein bizarres Naturgedicht der zeitgenössischen österreichischen Lyrikerin Ann Cotten ergänzen die Reverenz, die der Kosmos Österreich in seiner 34-ten Ausgabe seinen Kindern und Kindeskindern – der Erde, der Natur, im besonderen den Pflanzen – zu erweisen versucht.

Wilhelm Pfeistlinger

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* aus: Bruno Walter: Gustav Mahler. Ein Porträt. Wilhelmshaven: Noetzel, Heinrichshofen-Bücher 2001.