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Oder: Warum Europa neuerdings »gut« und »alt« genannt werden darf
von Prof. Thomas Macho

EU-Ratspräsidentschaft in der Österreichischen Botschaft Berlin Montag, 16. Januar 2006, 19.00 Uhr

Sehr geehrter Herr Staatsminister,
Exzellenzen,
Sehr verehrte Damen und Herren
Sehr geehrter Herr Botschafter!

Am 1. Januar 2006 hat Österreich – für die kurze Zeit eines halben Jahres – die Präsidentschaft der Europäischen Union angetreten. Aus diesem Anlaß erschien in der »Süddeutschen Zeitung« (am Silvestertag des Jahres 2005) ein Interview mit Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel, in dem er die geplanten Schwerpunkte und Intentionen seiner Amtszeit erläuterte. Während der nächsten sechs Monate soll die Frage nach der europäischen Identität und ihrer verfassungsrechtlichen Ge¬stalt ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden; die Erinnerung an »eine faszinierende Er¬folgsgeschichte seit der Antike« soll Europa wieder als ein Projekt sichtbar werden lassen, »auf das man sich freut« ohne es zu fürchten.

1. Erste Gerüchte
Europas »faszinierende Erfolgsgeschichte« begann als Gerücht. Im vierten Buch seiner Historien schrieb Herodot, kein Mensch wisse, ob Europa »vom Meere umflossen ist« und »woher es diesen Namen« habe, sofern nicht angenommen werden könne, der Erdteil habe »seinen Namen nach der Europa von Tyros« erhalten. Diese »Europa von Tyros« war ursprünglich wohl eine Göttin: Hesiod erwähnt sie im 357. Vers seiner Theogonie als Schwester der Ozeaniden Asia und Metis. Später wurde sie als Tochter Agenors, des Königs von Tyros in Phönizien, dargestellt; sie sei so schön gewesen, daß sogar Zeus sich in sie verliebte; in Gestalt eines weißen Stiers habe er ihre Zuneigung erobert und sie vom libanesischen Küstenstrand gewaltsam nach Kreta entführt. Dort sei die »Europa von Tyros« zur Ahnherrin der minoischen Dynastie aufgestiegen; danach verlieren sich ihre Spuren. Mit bissiger Schärfe resümiert Herodot, die »Asiatin« Europa sei also »nie in das Land gekommen, das man heute in Hellas Europa nennt«, sondern nur von Phönizien nach Kreta und Lykien – und eben deshalb keine Kandidatin für das Namenspatronat des neuen Kontinents.
Europas Raub – und ihr späteres Verschwinden – provozierte unabsehbare Fahrten und Abenteuer. Die Königstochter wurde von Phönizien nach Kreta entführt. Ihre Brüder suchten sie unentwegt, jedoch ohne Erfolg. Phönix durchwanderte Lybien und erreichte den Ort, an dem später Karthago errichtet werden sollte; Cilix ging nach Zilizien, Phineus zu den Dardanellen, Thasus nach Olympien und auf die Insel Thasos. Kadmos jedoch – der berühmteste Bruder Europas – fuhr nach Rhodos, Thrakien und Delphi, um das Orakel zu befragen. Dort erhielt er den Rat, eine Kuh zu kaufen und ihr so lange zu folgen, bis sie erschöpft zusammenbreche. An dem durch die Ausdauer der Kuh be¬zeichneten Ort sollte Kadmos eine Stadt erbauen. Gesagt, getan: Kadmos erwarb eine Kuh mit dem Zeichen des Vollmonds auf ihren Flanken – ein Geschöpf der Großen Muttergöttin, der »Herrin der Tiere« – und trieb sie durch ganz Böotien, bis sie todmüde niederfiel. An eben dieser Stelle gründete er die Stadt der Sphinx: Theben.
Von Anfang an steht also Europa in der Spannung zwischen Ost und West, Orient und Okzident, Morgenland und Abendland. Denn im Grunde ist Europa ja gar kein Kontinent, im Unterschied zu Afrika, Amerika und Australien. Europa ist die »nordwestasiatische Halbinsel«, ein Bruchteil der Landmasse des asiatischen Kontinents. Selbst die Rede von »Eurasien« wirkt euphemistisch; als woll¬te sie eine Gleichgewichtigkeit der beiden Erdteile – wenn nicht sogar einen Vorrang der europäi¬schen Seite – postulieren. Kontinentale Identität verdankt sich jedoch keiner Landkarte, sondern den Ozeanen; daß eine geographische Formation »vom Meere umflossen« (Herodot) wird, erhebt sie zum eigenständigen Gebiet, das ein Recht auf einen besonderen Namen reklamieren darf. Kontinen¬te sind gleichsam Inseln wie die Insel Kreta, die als Zentrum der europäischen Gründungsmytholo¬gie – vom Raub der Tochter Agenors bis zur Gründung Thebens – figurierte. Wo liegt Europa? Die Brüder der verschwundenen Prinzessin konnten die Frage nicht beantworten. Schon die Richtungen ihrer Suche bezeugten die offenen Grenzen Europas, das fehlende Ideal geographischer Einheit und Integrität, einer insularen Kontinentalgestalt. Doch Kadmos (der übrigens als einziger Bruder im Norden und Westen nach Europa suchte) gründete nicht nur Theben, er soll auch das Alphabet überliefert oder erfunden haben. Vielleicht hat diese Vermittlungsleistung die europäische Geschich¬te nachhaltiger geprägt als alle späteren Kriege, Völkerwanderungen oder Stadtgründungen.

2. Exzentrische Identität
Kurz nach dem Zusammenbruch des Ostblocks hat Rémi Brague, jetziger Inhaber des Romano Guardini-Lehrstuhls für Philosophie der Religionen Europas an der Ludwig-Maximilians-Univer¬sität München, eine faszinierende Antwort auf die Frage nach der Identität Europas vorgelegt. Er behauptete nämlich, Europa habe seine Identität in konstitutiver Nachrangigkeit oder Zweitran¬gigkeit (»secondarité«) gegenüber den eigentlichen Ursprungskulturen, dem griechischen Denken und der jüdischen Religion, gefunden. Die ideenpolitische Spannung zwischen Athen und Jerusa¬lem wurde aufgehoben ins Römische und Christliche, freilich um einen großen Preis – den Preis mangelnder Originalität. Europa ist die Kultur, die ihre Ursprünge nicht in sich selbst findet; Europa ist gleichsam zu sich selbst emigriert. In allen »Übertragungen« des Römischen Reichs – den vielkommentierten »translationes imperii« – erschien das Römische stets und von vornherein als Kopie, als Zitat, als die vielgestaltige Aneignung eines Fremden.
Europas Identität ist folglich, so argumentiert Brague, buchstäblich »exzentrisch«. Jeder Aufbruch in der Ideengeschichte Europas – von der Renaissance oder Reformation bis zur Aufklärung – artikulierte sich in Rückgriffen: im Rückgriff auf die griechische Philosophie und Dichtung oder im Rückgriff auf die jüdische Religion (etwa in den Krönungszeremonien der mittelalterlichen Könige oder in der »Exodus«-Programmatik der »Pilgrim Fathers«). In der enthusiastischen Rhe¬torik dieser Rückgriffe wurde Rom zumeist vergessen oder kritisiert, etwa wegen der Armut sei¬ner Sprache und der unbedeutenden Beiträge zur abendländischen Kulturgeschichte. Die Römer selbst haben nichts erfunden, so heißt es; sie haben allenfalls »Käferdienste« geleistet (Heinrich Graetz), indem sie die Schätze der griechischen und der jüdischen Welt weiterleiteten und verteil¬ten. Aber vielleicht »macht das Wenige, das man Rom an Eigenem zuerkennt, schon das ganze Rom aus. In der Vermittlung eines Inhalts, der letztlich nicht sein eigener ist, liegt der wahre Ge¬halt. Die Römer haben nur weitergegeben. Aber ist das nichts? Sie haben zwar, verglichen mit den beiden schöpferischen Völkern, den Griechen und den Hebräern, nichts Neues hervorge¬bracht. Doch diese eine Neuerung, die Vermittlung, die haben sie beigetragen. Damit haben sie die Neuerung schlechthin geliefert: das, was für sie am Alten neu war.«
Anders gesagt: Europa konnte das Alte immer wieder neu begreifen, mit frischem Leben erfüllen, weil es gar nicht das eigene Alte war. Gerade eine exzentrische Identität befähigte zu erneuter Selbsterfindung. Zugleich verpflichteten die fremden Ursprünge zur Bewahrung, weil sie nicht einfach aufgehoben waren in der jeweils eigenen Gegenwart. Um beispielsweise auf alte Quellen zurückgreifen zu können, mußten diese Texte schlicht und einfach vorliegen: So wurde der flo¬rentinische Neoplatonismus, die vielgerühmten Übersetzungen Marsilio Ficinos, erst ermöglicht durch jene Schreibmanufakturen in christlichen Klöstern, denen Umberto Eco – in seinem Ro¬man Der Name der Rose – ein standfestes Denkmal errichtet hat. Alle »Aufschreibesysteme« (im Sinne Friedrich Kittlers ) fungierten zunächst als Abschreibesysteme. Und das Abgeschriebene mußte oft genug in andere Sprachen, Notationssysteme, Alphabete oder Zahlenschriften – Grie¬chisch, Hebräisch, Arabisch, Lateinisch – übersetzt und konvertiert werden; folgerichtig entstan¬den die ersten Übersetzerschulen im 12. und 13. Jahrhundert, in der Zeit der spanischen convivên¬cia zwischen Juden, Christen und Moslems. Die Geschichte Europas, eine Geschichte stets er¬neuerter Vermittlungen, Übersetzungen, Missionen und Sendungen, entfaltete sich konsequent als Geschichte der Medien: War denn nicht Europa selbst – in der Nachträglichkeit und »secon¬darité« christlicher Romanität – ein Medium schlechthin? Nicht zufällig wurden die wichtigsten technischen Medien in Europa erfunden: vom Buchdruck bis zur Schreibmaschine, von der Fotografie bis zum Film, von der Telegraphie bis zum Computer.

3. Neue Welt
Inzwischen sieht es jedoch so aus, als habe sich die europäische Kraft zur Renaissance, zur Bil¬dung von künstlerischen oder intellektuellen Avantgarden, zu kreativer Selbsterfindung aus ex¬zentrischer Identität, nachhaltig erschöpft. Der Titel einer »Neuen Welt«, eines Raums der »unbe¬grenzten Möglichkeiten«, wird erfolgreich von einem anderen Kontinent beansprucht und be¬setzt, der längst schon als Zentrum einer globalen Missions- und Medienpolitik operiert. Auch dieser Kontinent generiert seine beeindruckenden Fähigkeiten zur Erneuerung und Selbsterfin¬dung aus einer exzentrischen Identität. Doch zählt Amerika zu seinen fremden Wurzeln nicht nur Athen und Jerusalem, sondern auch Rom und Europa. Was geschieht aber eigentlich, wenn eine secondarité von einer anderen secondarité überboten und gleichsam zu deren Ursprung ernannt wird? Vermutlich kommt es zu paradoxen Übertragungen, kollektiven »double binds« und »mimeti¬schen Krisen«, wie sie René Girard an der Antike diagnostiziert hat. Während der europäische Integrationsprozeß immer wieder – mehr oder weniger freiwillig – auf die Geschichte der Ver¬einigten Staaten von Amerika bezogen wird, propagieren US-amerikanische Publizisten wie Jere¬my Rifkin einen neuen »European Dream«, der den »American Dream« der vergangenen hundert Jahre ablösen werde.
Zwar wirkt es fast harmlos, wenn Europa im transatlantischen Dialog als »old Europe« oder »good old Europe« charakterisiert wird; daß diese Bezeichnung aber nicht freundlich gemeint sein muß, zeigt sich unmittelbar, sobald ein US-Verteidigungsminister die Irakpolitik Frankreichs und Deutschlands als »Old Europe Position« abkanzelt. Die nachfolgende Debatte um »old Europe« blieb weitgehend ergebnislos, zumal sie ja den entscheidenden Mechanismus der Mimesis, der vielgestaltig aufeinander verweisenden Zitate fremder Ursprünge und exzentrischer Identitäten, gar nicht aufklären konnte. So wurde auch nicht gefragt, warum Europa neuerdings »alt« genannt werden darf; ein Versuch zur Beantwortung dieser Frage hätte vielleicht ergeben, daß Europa selbst zunehmend von seinem Alter überzeugt ist. Ab dem 19. Jahrhundert befaßten sich die Europäer mit der Konstruktion nationalstaatlicher Ursprünge, die nicht gefunden, sondern allen¬falls postuliert werden konnten; just während des Aufstiegs der Vereinigten Staaten von Amerika (zumal nach dem Ende des blutigen Civil War) entwickelten sie ein Geschichtsbewußtsein, das Paul Tillich zu Recht als »ursprungsmythische Geisteslage« kritisiert hat. Hegels Suggestion eines Endziels der Geschichte (und nicht nur der Künste), Spenglers »Untergang des Abendlandes«, erst recht die posthistoire-Debatten in den letzten Jahrzehnten vor der Jahrtausendwende, begün¬stigten schließlich die Durchsetzung einer Art von Endzeitstimmung, die ihre Plausibilität mit einem Blick auf die Katastrophen und Opfer des 20. Jahrhunderts zu rechtfertigen pflegt. Seither erzwingt die Suche nach europäischer Identität beinahe reflexartig formulierte Gedenkimperative, einen Rekurs auf verlorene Traditionen, auf die Manifestationen eines »kollektiven Gedächtnis¬ses«, auf das »Weltkulturerbe« Europas. Die scheinbar fehlenden Ursprünge einer exzentrischen Identität werden – mit wachsender Hektik – kultur- und erinnerungspolitisch restituiert.
Europa taumelt von einem Jubiläum und Gedenktag zum nächsten. Allein im Jahr 2005 wurden gefeiert (in chronologischer Reihenfolge): Adolph von Menzel, Montesquieu, Jules Verne, Hans Christian Andersen, Samuel Hahnemann, Albert Einstein, Friedrich Schiller, Jean-Paul Sartre, Elias Canetti, Alexis de Tocqueville, Adalbert Stifter, Robert Musil und Sören Kierkegaard; dane¬ben wurde das Ende des Zweiten Weltkriegs, der österreichische Staatsvertrag oder der sechzig¬ste Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima erinnert. Brave Old World! Schon im Jahr 1849 hatte der Philosoph Auguste Comte einen Kalender entworfen, in dem alle Monats- und Tagesbezeichnungen mit den Namen prominenter Persönlichkeiten der Geschichte bestritten werden sollten. Comtes Calendrier positiviste gliederte das Jahr in dreizehn Monate zu jeweils 28 Tagen, mit einem Zusatztag im Normaljahr und zwei Zusatztagen im Schaltjahr. Die Monate wurden benannt nach Moses, Homer, Aristoteles, Archimedes, Caesar, Sankt Paul, Karl dem Großen, Dante, Gutenberg, Shakespeare, Descartes, Friedrich II. und Bichat. Die Liste der »Tagesheiligen« umfaßte griechische Dichter und Philosophen, Propheten und Apostel der jüdi¬schen, christlichen oder islamischen Tradition, Künstler, Politiker und Wissenschaftler. Mozarts 250. Geburtstag, der 27. Januar 2006, wäre in Comtes positivistischem Kalender ein Samstag, der 27. Tag des Monats Moses im Jahre 218, benannt nach dem legendären Kalifen Harun-al-Raschid; nach Mozart selbst sollte übrigens Sonntag, der 28. Tag des zehnten Monats – des Monats Shakespeare – benannt werden. Comte wird seinerseits im Jahr 2007 gefeiert werden, zu seinem 150. Todestag; das Jahr 2007 wäre auch das nächstmögliche Jahr (nach Comtes eigener Berechnung), in dem der gregorianische Kalender auf den positivistischen Kalender umgestellt werden könnte.

4. Mozart, Freud und die Zukunft Europas
Nichts gegen die Erinnerung. Freilich sollten nicht nur Zeugen, sondern auch Zeugnisse erinnert werden, nicht nur Personen, sondern auch Haltungen. Positiv gewendet bestand ja die exzentri¬sche Identität Europas in der Fähigkeit, das Wissen um die Offenheit der Ursprünge immer wie¬der in neue Aufbrüche investieren zu können. Erinnerungen brauchen Zukunftsvisionen; die Pflege des kulturellen Gedächtnisses bedarf auch der Utopie. Daher versuchte Wolfgang Schüssel in seinem Silvester-Interview an das Mozartjahr anzuschließen: Mozart sei eine »europäische Per¬sönlichkeit«, die »niemand für sich vereinnahmen kann«, weil er nicht nur in Österreich, sondern auch in Italien, Deutschland oder Prag komponiert habe; abgesehen davon könne gerade die Or¬chestermusik als »Sinnbild« Europas aufgefaßt werden. Denn sie fasziniere als »vielfältiger Klang, der nicht nur von Harmonie, sondern auch von Dissonanzen lebt« – und dennoch zusammen¬paßt. »Es gibt einen Dirigenten, ein wohlmeinendes und professionelles Orchester. Das Stück muß vorher definiert sein, um hörbar zu machen, daß Europa mehr ist als die Summe der einzel¬nen nationalen Klänge; um sichtbar zu machen, daß Europa mehr ist als ein Einheitsbrei, der von oben verordnet wird.« Der naheliegende Witz, im »Orchester« der Europäischen Union wolle ge¬wiß niemand die zweite Geige oder gar das Triangel spielen, widerlegt sich rasch von selbst: In einem funktionierenden Orchester wird die Frage nach der Rangordnung der Instrumente nicht gestellt; allerdings wird auch nicht nach dem »Kernorchester« gefragt, mit dem ein bestimmtes Stück aufgeführt werden soll. (Soviel zum Streit um »Kerneuropa«.)
Schüssel hat freilich nicht nur an Mozart erinnert, sondern auch an Sigmund Freud, dessen 150. Geburtstag am 6. Mai 2006 begangen wird. Freud habe dem »Sound of Europe« einen besonde¬ren Akzent hinzugefügt: »Selbstreflexion, Aufspüren des Unbewußten, des Über-Ichs – die Iden¬titätsfindung eines Kontinents«. »Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten«, so lauteten be¬kanntlich die Maximen der psychoanalytischen Kur. Sie lassen sich nicht direkt auf Kulturen übertragen; doch formulieren sie Haltungen, die auch zu kollektiver Identitätsfindung beitragen können. So behauptet die psychoanalytische Haltung den Primat eines freien Diskurses, der Kon¬flikte und Widerstände nicht meidet und dennoch ein Setting konkreter Regeln, gleichsam eine Art von »Verfassung«, akzeptiert. Als wesentliche Tugend pflegt sie die Aufmerksamkeit (das »natürliche Gebet der Seele« nach Malebranche ): die Fähigkeit, dem Fremden – und zwar im Eigenen wie Anderen – mit Interesse und ohne Vorurteile zu begegnen. Solche Aufmerksamkeit dient einer Erinnerungsarbeit, die auf der Einsicht fußt, daß keine Ursprünge wiedergewonnen werden können: weder die Ursprünge der Angst noch die Ursprünge des Glücks. Anfänge wer¬den gesetzt, überspitzt gesagt: erfunden und nicht gefunden. Insofern ist auch die individuelle Identität auf prinzipielle Weise »exzentrisch«; und gerade die Anerkennung dieser Exzentrik er¬möglicht neue Aufbrüche, Renaissancen scheinbar gefrorener Lebensgeschichten. Eine Psycho¬analyse Europas? Sie müßte zunächst von der Gewißheit ausgehen, daß die Aktivitäten des Erin¬nerns, Wiederholens und Durcharbeitens nicht auf die Vergangenheit gerichtet sind, sondern auf die Zukunft: auf die Wiederherstellung der Liebes- und Arbeitsfähigkeit einzelner Subjekte. Kann auch ein Kontinent liebes- und arbeitsfähig werden? Ein Kontinent, von dem Camus einmal sag¬te: »Das Geheimnis Europas ist, daß es das Leben nicht mehr liebt«?
Die Zukunft Europas entscheidet sich nicht allein an der programmatischen Behauptung der Einheit des Vielfältigen; sie entscheidet sich ebensowenig an der Errichtung von Zäunen (wie in Marokko) oder in den Debatten um einen möglichen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union. Sie entscheidet sich nicht allein an der gemeinsamen Währung oder an der Konsolidierung von staatlichen Budgets; sie hängt nicht nur ab von der jährlichen Auswahl der Kulturhauptstädte, der Feier verschiedener Gedenktage und Jubiläen, oder von den Bildungsreformen, die seit der De¬klaration von Bologna mit beschleunigter Geschwindigkeit umgesetzt werden. Die Themen Wirt¬schaft, Sicherheit, Recht, Ökologie oder Bildung sind unzweifelhaft wichtig; aber die mögliche Zukunft Europas entscheidet sich an den utopischen Potentialen, an der Erneuerungs- und Re¬naissancefähigkeit des Kontinents. Wie kann etwa eine ebenso breite wie kreative Diskussion der europäischen Verfassung – als Projekt – entfaltet werden? Welche Funktionen sollten dabei die neuen Kommunikationsmedien, und besonders das Internet, übernehmen? Wie kann ein kollekti¬ves Vertrauen auf die Gestaltbarkeit der europäischen Zukunft gefördert und gesteigert werden? Die Beantwortung solcher und ähnlicher Fragen ist ebenso schwierig wie dringlich. Sie könnte sich ein Beispiel nehmen am unerschütterlichen Optimismus des niederländischen Kulturhistori¬kers Johan Huizinga, der in seinem dunklen kulturkritischen Spätwerk – verfaßt im Schatten der Machtübernahme des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs – niemals aufhörte, eine bessere Zukunft zu beschwören: »Der internationale Sinn – der ja bereits im Wort selbst die Er¬haltung der Nationalitäten voraussetzt, aber von Nationalitäten, die einander vertragen und aus Verschiedenheit keine Geschiedenheit machen – kann das Gefäß werden für die neue Ethik, in welcher der Gegensatz von Kollektivismus und Individualismus aufgehoben sein wird. Ist es ein leerer Traum, diese Welt könnte einst noch so gut sein? – Auch dann müßten wir das Ideal so hoch stellen.«