Alles Liebe. Annemarie Avramidis
Ausstellungseröffnung "Annemarie Avramidis" in Tiefenthal (Rheinland-Pfalz), 05. September 2010
- Wilhelm Pfeistlinger, Direktor des Österreichischen Kulturforums Berlin -
Wir Diplomaten müssten im Grunde hartgesottene Profis des Grußwortes sein, es ist sozusagen unsere literarisch-rhetorische Gattung. Was dem Professor seine wöchentliche Vorlesung, dem Priester seine sonntägliche Predigt, dem Sänger seine abendliche Arie und dem Politiker sein so häufig wie mögliches Interview, ist dem Diplomaten sein Grußwort.
Die Gattung erweist sich aber, wie nicht selten auch Interview, Arie, Predigt und Vorlesung, als gar nicht so einfach, wenn man ihr gerecht werden will. Schon der Gruß, das Grüßen ist alles andere denn selbstverständlich. Wer grüßt, tritt aus sich heraus und lässt in sich herein. Wer grüßt, sieht, erkennt und anerkennt. Im Gruß bedeute ich, dass wir zwei sind, setze ich dich als anderen, doch als anerkannten, willkommenen, genehmen anderen, ich gebe dich frei und verbinde mich im selben Akt mit dir. Wer grüßt, sagt implizit zumindest immer auch „Du bist.“ Er stellt es fest. Und er bekräftigt es: Du sollst sein! Jeder Gruß ist zumindest potentieller Wunsch. Im Gruß wird die Spaltung von Sein und Sollen, von Faktizität und Intentionalität relativiert. Wer grüßt, beginnt zu lieben. Wer grüßt, will aber außerdem präzise sein, er will bekunden, dass Du bist und nicht ein anderer. Im Gruß wird also auch die Spaltung von Existenz und Essenz, von Dasein und Sosein überwunden. Der Gruß will nicht nur fassen, er will erfassen. Um diese inhaltliche Erfassung zu bewältigen und sie zusammenzufassen, d.h. in verdichteter Form wiederzugeben, sucht der Gruß nach dem Wort, ähnlich der Suche des Menschen nach einem Namen. Dieses Gruß-Wort hängt vom Grüßenden, vom Gegrüßten und ihrer Beziehung zueinander ab, soll dich und mich und unsere Beziehung und die ganze Konstellation in größtmöglicher Knappheit, Schärfe und Vollständigkeit enthalten und benennen. Wir grüßen nicht jedermann gleich oder irgendwie – obschon das manchmal bereits ein Fortschritt wäre -, wir suchen den jeweils richtigen Gruß, das treffende Wort. Wie könnte heute, jetzt, dieses treffende Wort lauten? Ein österreichischer Diplomat eröffnet die Ausstellung einer namhaften Bildhauerin und Dichterin seines Landes vor einem kunstsinnigen deutschen, österreichischen, europäischen, internationalen Publikum – welches Grußwort wählt er?
Er – ich - könnte Ihnen ein unreflektiert wienerisch-schleimerisches „Servus, wunderbar“ hinnäseln oder ein geheuchelt gütiges „Weiter so, kolossal!“ entgegenpoltern oder ein fast schon blasphemisch hochtrabendes „Grüß Gott, himmlisch!“ zusäuseln – und hätte Sie wohl kaum gegrüßt. Der Konstellation dieses Sonntagvormittags scheint mir am ehesten ein Grußwort zu Ehren des Grußes selbst zu entsprechen, denn es ist der Gruß, das Grüßen eine der wenigen Gemeinsamkeiten von Diplomat und Künstler. Oder? Das Grüßen sei der Beginn der Liebe, sagten wir, und was ist das Leben eines Künstlers und eines Diplomaten anderes als ein Weiterführen dieses Beginns ins Schöpferische und ins Vermittelnde. Das Wort, das Diplomat und Künstler verbindet, ist das Wort, das zutiefst in der Seele jedes Grüßenden wirkt. Es steht für das Tun des Diplomaten, das Schaffen des Künstlers und das Wesen des Grüßens. Es ist Feststellung und Aufforderung, Bestätigung und Wunsch. Es lautet: „Alles Liebe“
„Alles Liebe“, dieses Grußwort erweitert das intime „Du bist und du sollst sein“ des Grußes ins Kosmische und Ethische und holt Kosmos und Ethos in die Intimität des „Du bist und du sollst sein“. „Alles ist innig“, schreibt Hölderlin in einem Fragment mit dem bezeichnenden Titel „Geist und Gestalt“. Jeder Gruß ist ein Beginn der Liebe durch Erkenntnis und Anerkenntnis und eine Weiterverweisung an die große Liebe in allem, die Kraft, in deren Zusammenhalt alles enthalten, gehalten und erhalten ist. Jeder Gruß bestätigt, dass wir ineinander abgebildet sind, miteinander und aneinander klingen, zueinander und füreinander gedacht sind. Jeder Gruß anerkennt die Vorgabe der Liebe. „Alles ist innig“, dieser Satz mutet wie die Verbeugung am Ende eines bewusst vollzogenen Grußes an. „Alles ist innig“ bedeutet auch, dass alles, was ist, mehr ist als bloß vor- oder zuhanden, mehr ist, als nur ist. Es ist beseelt, weil verbunden. Klötze gibt es nicht. Wie Künstler immer bestätigen, dass einerseits kein Stein nur Klotz ist, sondern immer schon die Skulptur und selbst das sie sehend-erschaffende Auge in sich birgt, und wie andererseits jede Skulptur immerfort an ihre steinerne Herkunft erinnert, so gibt es für Diplomaten keine erratisch-isolierten, undurchlässigen Gemeinschafts- oder Staatenklötze, aber auch keinen Menschen, der nicht eingebettet wäre in Gemeinschaft und Staat. Der Diplomat sieht die Menschen, ihren Drang nach Zusammenschluss und die Interdependenzen ihrer Zusammenschlüsse. Kein Land, keine Kultur hat das Menschsein gepachtet. Unterschiede heben sich nur vom Hintergrund der Ununterschiedenheit ab, die sie frei gibt. Die Liebe, an deren Beginn der Gruß steht, führt ebenso die formende Hand der Künstlerin, wie sie sich geduldet in der harrenden Materie, sie ist der sehende Blick ebenso wie das Leuchten aus dem Gestein, und sie ist der Schrei nach Gerechtigkeit aus Ost und West und Nord und Süd im vernehmenden Ohr des Diplomaten ebenso wie das im Ruf seiner Stimme nach Frieden verebbend-verwandelte Echo dieses Schreis. Die Liebe ist nicht eine Verbindung von Dingen, Menschen, Erkenntnissen und Willensäußerungen. Dinge, Menschen, Erkenntnisse und Willensäußerungen sind die Verbindung der Liebe. Der Zwischenraum ist der Raum. Oder sagen wir es mit den Worten des vor kurzem verstorbenen großen katalanisch-indischen Denkers Raimon Panikkar: „Die Beziehungen, die das Universum durchdringen, erfüllen die innersten Räume jedes Wesens.“ Diese Einsicht in die Bedeutung der Relationalität relativiert und macht frei und leicht. Im Vollzug des Grußes und im Wirken der Diplomatie können wir erfahren, was in der Nähe der Kunst besonders deutlich wird, und Romano Guardini so feinfühlig beschrieben hat: „Die Schwere des eigenen undurchlebten Vorhandenseins leichtet sich.“ Und die Leichtheit des Vorhandenseins wird – Milan Kundera dankend, doch ihn leicht abwandelnd – zur Durchlässigkeit auf die erträgliche Leichtigkeit des Seins im Grußwort der Liebe. Alles Liebe.
Ich danke Ihnen, der Künstlerin, der Laudatorin, den Organisatoren und Ihnen allen, die Sie diesen Sonntagvormittag miteinander, mit mir und vor allem mit der Kunst teilen. Und grüße Sie, ihnen wünschend: Alles Liebe.
Letztes Update: Donnerstag, 27. Okt. 2011