österreichisches kulturforum Berlin

Der große Mahler

Europäischer Liederabend "Gustav Mahler - Des Knaben Wunderhorn" in der Österreichischen Botschaft Berlin, 14. April 2011

- Wilhelm Pfeistlinger, Direktor des Österreichischen Kulturforums Berlin -

„Statt viele Worte zu machen, täte ich vielleicht am besten, einfach zu sagen: ‚Ich glaube daran, dass Gustav Mahler einer der größten Menschen und Künstler war.’“ 

So Arnold Schönberg 2 Jahre nach Mahlers Tod in einer berühmt gewordenen Rede über Gustav Mahler in Prag. Je mehr ich über Mahler  nachdenke, nachlese, nachsinne, ihm nachhöre und ihm nachfühle, desto mehr stimme ich mit Schönberg überein.  

Mahlers Leben war wie unsere Leben ein Knäuel von Gut und Böse, Schwach und Stark, Mickrig und Bedeutend, Wahr und Falsch. Einem Gegensatzpaar entzog er sich jedoch: Er war nie klein. Er war selbst in  der Erbärmlichkeit seiner Irrtümer, Egomanien, Schrullen groß. Mahler war immer ganz da. Mahlers Präsent an die Menschen und an das Leben war seine Präsenz. Und Präsenz ist ein anderes Wort für Größe. 

Wie der Mensch so die Musik. Es stimmt: Mahlers Musik hat megamanische Dimensionen, doch die betreffen auch noch das Zärtlichste, noch das Trivialste. Unter Mahlers Feder werden Diminutive zu Logoi und der Logos wird zum Kosenamen, wird das Volkslied zur Sakralpolyphonie und die Sakralpolyphonie zu Kinderweise. Machen wir uns die Mühe des aufmerksamen Zuhörens doch. In  Kürze wird Hanno Müller-Brachmann den Abend mit folgenden Versen  anstimmen.  

Des Morgens zwischen drein und vieren,
Da müssen wir Soldaten marschieren
Das Gäßlein auf und ab;
Tralali, Tralalei, Tralala,
Mein Schätzel sieht herab.  

Einfache, bisweilen simple Lyrik. Sie werden überrascht sein, welche Größe Mahlers Vertonung verleiht oder entlockt.  Dasselbe gilt für das Lied, mit eine Stunde später Anke Vondung diesen Liederabend beenden wird: Urlicht.    

O Röschen rot,
Der Mensch liegt in größter Not,
Der Mensch liegt in größter Pein,
Je lieber möcht' ich im Himmel sein.
Da kam ich auf einem breiten Weg,
Da kam ein Engelein und wollt' mich abweisen.
Ach nein, ich ließ mich nicht abweisen!
Ich bin von Gott und will wieder zu Gott,
Der liebe Gott wird mir ein Lichtchen geben,
Wird leuchten mir bis [in] das ewig selig' Leben!  

Engelein, Lichtchen, Röschen, ein Himmel der alten Schule, abgegriffene Worte, klischeenah verwendet, mit einer gleichsam unverantwortlichen Unschuld gereimt und bezeugt. Mit einer Ausnahme:  In der drittletzten Zeile scheint mir der Kern des Geheimnisses der Größe dieses Liedes, der Größe des ganzen Zyklus und der Größe des Menschen und Künstlers Gustav Mahler offen zu liegen: Ich bin von Gott und will wieder zu Gott.  Wer sich diesem Wollen verschreibt, dem entschwindet der Unterschied von Klein und Groß.
Wie sollte es sich nicht lohnen, einen Menschen, der diese Erhebung des Willens in Musik und die Musik in diese Erhebung des Willens zu bannen fähig war, zum Mittel- und Ausgangspunkt eines Kulturprogramms zu machen? Selbst für die nicht kurze Zeit von zwei Jahren?!
Den drei deutschen Künstlern, die sich in den Dienst dieses großen Österreichers stellen und darin – sie haben es schon oftmals bewiesen – zu eigener übernationaler Größe, zur Größe von Interpreten mit Weltgeltung heranwachsen sei von Herzen gedankt: Anke Vondung, Hanno Müller-Brachmann, dem für seine spontane Bereitschaft einzuspringen und diesen Abend dadurch zu retten ein besonderes Dankeschön gebührt und Eric Schneider am Klavier. Und Ihnen sei gedankt, liebes Publikum, sehr geehrte Damen und Herren,  für Ihr Kommen und für Ihr aufmerksames Zuhören. Die Größe Mahlers und die Größe seiner drei Interpreten bedarf der Größe Ihres aufmerksamen Zuhörens, damit die Größe der Musik jenem Satz gerecht wird, den sie in Melodie verwandelt: „Ich bin von Gott und will wieder zu Gott.“  

Letztes Update: Donnerstag, 27. Okt. 2011