Der Nicht-Sager. Thomas Bernhard
Thomas-Bernhard-Abend mit Lesung und anschließender Diskussion im F.-Hoess-Saal der Österreichischen Botschaft Berlin, 20. Februar 2009
- Wilhelm Pfeistlinger, Direktor des Österreichischen Kulturforums Berlin -
Zwei entsetzliche Tatsachen verbinden mich mit Thomas Bernhard. Sagen wir besser: zumindest zwei. Erstens – wir sind beide Österreicher. Zweitens: Wir wissen nie, was wir sagen wollen oder auch nur sollen, wenn wir öffentlich etwas sagen sollen oder müssen – denn wollen wollen wir nie, es sei denn in den seltenen Momenten schelmischer Koketterie, die meist fünf Minuten vor 12.00 kommen, wenn uns im letzten Moment noch etwas einfällt.
Heute nachmittag, als mir nichts einfiel, fiel Thomas Bernhard in mir ein. Ich sah ihn interviewgebend vor meinem geistigen Auge, stockend, doch jeder Satz eine Wort- und Wahrheitsbombenüberraschung, am Ende wieder zurückgenommen durch die – im übrigen unter uns Sterblichen nicht seltene - Eigenart alles mit dem Wörtchen „nicht“ zu relativieren. Aus diesem „Nicht“ am Ende fast jeden Satzes leuchtete der ganze bittere Schalk dieses Menschen. Und von diesem Moment an durchwütete der einfallende Thomas Bernhard meine Phantasie mit Kommentaren zur heutigen Veranstaltung, Kommentare, die, als ich sie zu Papier bringen wollte, sich allesamt als sich selbst relativierende Antworten auf relativ berechtigte Fragen entpuppten. Ich fragte Thomas Bernhard, Thomas Bernhard antwortete mir, nicht?! Diese paar Fragen und Antworten sind meine ganze Einleitung zu dieser Veranstaltung. Rien ne va plus, nicht?!
„Herr Bernhard, finden Sie es in Ordnung, dass ein Österreichisches Kulturforum Ihnen zu Ehren eine Veranstaltung an Ihrem 20. Todestag organisiert, ist Österreich doch jenes Land, mit dem Sie zeitlebens eine wechselseitige Hassbeziehung gepflogen haben?
Na warum denn nicht, nicht? Es ist ja auch an meinem Todestag, nicht?
Und wenn es Ihr Geburtstag wäre?
Das wäre in etwa dasselbe, nicht?
Aber halten Sie das nicht für eine Art heuchlerischen Missbrauchs?
Nein, denn ich habe auch nichts anderes gemacht, nicht. Wer will nicht manchmal heuchlerisch missbrauchen, nicht, oder auch heuchlerisch missbraucht werden, nicht?! Und was heißt schon heuchlerisch missbrauchen? Aufrichtig gebrauchen, nicht?!
Sind Sie wenigstens mit den Diskutanten und dem Rezitator zufrieden?
Die kennen mich wenigstens, nicht? Fast so gut, wie ich mich selbst, oder gar so gut oder gar besser, nicht?!
Was würden Sie mir raten für die Einführung in diesen Abend?
Bedanken Sie sich bei allen, nicht? Und sagen Sie sonst möglich nichts, nicht?
Letztes Update: Donnerstag, 27. Okt. 2011