Die Erwartung des Jakovos Kambanellis
Musikalische Lesung "Jakovos Kambanellis' Die Freiheit kam im Mai" im F.-Hoess-Saal der Österreichischen Botschaft, 02. Mai 2011
- Wilhelm Pfeistlinger, Direktor des Österreichischen Kulturforums -
Sehr geehrte Damen und Herren,
Mauthausen. Vor – oder hinter? – Linz. Statt des großen Germania des Reißbretttäters Albert Speer das kleine Germania von Oberscharführer Fassel - vulgo „der Aristokrat“ - beim Morgenappell im Lagerschlamm. Die Hände des einen und die Füße des anderen, die unergründlichen Gehirne beider. Anfang Mai 1945, die letzten Kriegstage nach dem Tyrannenselbstmord; sich selbst zermalmende Freiheit. Mauthausen unweit von Linz, Linz nah an Mauthausen: Freiheit zermalmende Freiheit – zermalmt. Der Unterschied liegt in der Zuversicht, in der Erwartung.
In Mauthausen geschürte Erwartung, in Linz gestürzte Erwartung. Überall aber verlorene Freiheit, unaufhörlich Angst. Das kleine Germania vollbrachte, was es verhinderte: die Hölle, die verlorene Freiheit, den Sieg des Todes. Das große Germania wäre nur um die Endgültigkeit größer, um den Siegel des Sieges stärker gewesen.
Wir hätten kaum eine Vorstellung von der Grausamkeit dieses Freiheitsverlustes, wären da nicht einige Betroffene gewesen, die ihre Freiheit nicht ganz verloren haben, denn mit ihnen blieb, wie einer von ihnen - Paul Celan – später sagte, die Sprache; sie blieb unverloren, ja, trotz allem. Aber sie musste nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede. Sie ging hindurch und gab keine Worte her für das, was geschah; aber sie ging durch dieses Geschehen. Ging hindurch und durfte wieder zutage treten, «angereichert» von all dem.
Viele Sprachen haben Ihren Celan. Für das Spanische etwa lässt sich kein geringerer als Jorge Semprún anführen. Der griechische Dichter, der das Hindurchgehen ertrug, war zweifelsohne Jakovos Kambanellis. In Griechenland später ein berühmter Theater- und Filmschriftsteller, der mit seinem Werk „Mauthausen“ diesem Wort für die griechische Sprache dieselbe Konnotation des Horrors verlieh, das es auf Deutsch hat, angereichert um eine Facette, die kein anderer der Beobachter und Berichterstatter in dieser Weise wahrgenommen und wiedergegeben hat: die Erwartung.
Kambanellis Werk ist mit dem Blick der Erwartung geschrieben. Was sich ihm einprägte und was er uns einzuprägen versucht, war offenbar nicht die Erinnerung einfachhin, sondern die durch die Situation der immer wiederkehrenden Erwartung geläuterte und gleichzeitig beschwerte Erinnerung. Die Erwartung, die immer eine Erwartung der Befreiung war und gleichzeitig selbst der letzte Akt der Freiheit, die in all ihren anderen Äußerungsmöglichkeiten verloren gegangen war: die Erwartung, dass es Abend und Nacht und wieder Tag werde, die Erwartung, dass die Alliierten kämen, die Erwartung, dass die große Liebe warten und der Tag der Heimkehr endlich anbrechen würden; die von der Wirklichkeit Hiroshimas – und wir dürfen vielleicht hinzufügen „Fukushimas“ und von „Ground Zero“ – attackierte Erwartung, dass die Menschheit nicht nochmals diese Fratze der Bestialität annehme. In diesem Zustand der Erwartung wird alles zum Geschenk, auch die Erinnerung, auch die Hoffnung. Vor allem aber die Freiheit. Was die Erwartung überlebt, ist der Freiheit würdig.
„Die Freiheit kam im Mai“ ist ein wichtiges Buch. Kambanellis wusste jedoch, dass es mit seinem Bericht aus den Perspektiven der Erwartung nicht getan war. Dem unvergleichlichen Leid, dem pathein, das es zu schildern gab einerseits und der pathologischen Enthemmung, die dieses Leid verursachte andererseits, war das Wort nur im Verein mit dem Klang, dem Schrei, dem Wimmern, dem Flüstern, dem rhythmischen Klagen und Weinen, dem Lied gewachsen. So ging er zu Mikis Theodorakis, so entstand die Mauthausen-Kantata, so dürfen wir heute bei uns begrüßen: Herrn Franz Richard Reiter, den Herausgeber der ersten deutschen Übersetzung von „Mauthausen“, Frau Elena Strubakis, die Übersetzerin, die mit dieser Übersetzung den Österreichischen Übersetzerpreis 2010 gewonnen hat. Sie werden aus dem Werk von Jakovos Kambanellis lesen. Für die musikalischen Beiträge heißen wir willkommen die Sängerin Olga Kessaris, Nikolaos Papadopoulos am Klavier und Nikolaos Athanassopoulos mit der Buzuki.
Leider können wir den Autor nicht mehr selbst unter uns begrüßen. Herr Reiter bat mich, Ihnen zu sagen, dass Kambanellis, der vor kurzem 88 jährig starb, ihm gegenüber beteuerte: „Mit der Übersetzung ins Deutsche wird mein Traum erfüllt.“ Vielleicht hatte er, der das alles erlebt und berichtet hat, noch einen anderen Traum, jenen Traum, den der vom berühmten Oskar Werner gespielte deutsche Offizier im österreichischen Film „Der letzte Akt“ auf dem Sterbelager einem halbwüchsigen Jungen mahnend zuflüsterte: „Sei wachsam. Sag nie mehr ‚Jawohl‘! Sei wachsam“. Tragen wir alle heute zur Erfüllung dieses Vielleicht-Traumes bei. Hören wir aufmerksam hin, um wachsam sein zu können. Jakovos Kambanellis und viele andere dürften es von uns zurecht erwarten. Nicht vielleicht – sicher.
Letztes Update: Donnerstag, 27. Okt. 2011