Die Strohhalmqualität der Fallgitterstäbe. Daniel Spoerri
Ausstellungseröffnung „Daniel Spoerri – Eaten by …“ im Ludwig Museum Koblenz, 30. August 2009
- Wilhelm Pfeistlinger, Direktor des Österreichischen Kulturforums Berlin -
Wäre ich Daniel Spoerri, würde ich aus meiner Situation ein Fallenbild erstellen. Ein Fallenbild der „Be Art“ statt der „eat art“. Zuerst müsste ich natürlich ganz allgemein die humanoide Ableitung der Spoerrischen Fallenbilder entdeckt bzw. erfunden und in Anlehnung an eine im Internet aufgelesene Definition des Fallenbilds von Daniel Spoerri definiert haben. Hören wir zuerst Spoerris Fallenbilddefinition:„Gegenstände, die in zufälligen, ordentlichen oder unordentlichen Situationen gefunden werden, werden in genau der Situation, in der sie gefunden werden, auf ihrer zufälligen Unterlage (Tisch, Schachtel, Schublade usw.) befestigt. (..). Indem das Resultat zum Bild erklärt wird, wird Horizontales vertikal. Beispiel: Die Reste einer Mahlzeit werden auf dem Tisch befestigt und mit dem Tisch an der Wand aufgehängt. (…)“ – Und jetzt die humanoide Ableitung: „Menschen (statt: Gegenstände), die in zufälligen, ordentlichen oder unordentlichen Situationen gefunden werden, werden in genau der Situation, in der sie gefunden werden, auf ihrer zufälligen Geistes- und Sinnenlage – anstatt „Unterlage“ - (Seelenzustand, Körpersignale, soziale Interaktionsaspekte) eingefroren (statt: befestigt). Indem das Resultat zur Wahrheit (statt: zum Bild) erklärt wird, wird Befindlichkeit wesentlich (statt: Horizontales vertikal). Beispiel: Ein österreichischer Kulturdiplomat wird im Moment eines Grußwortversuches anlässlich einer Ausstellungseröffnung in Koblenz auf seine Unsicherheit, Ignoranz und Verlegenheit hin enthüllt und als Beweis für erstens die Inkompetenz von Diplomaten und zweitens die Unbeholfenheit der Alpenrepublikaner, insbesondere in bi-lateralen Zusammenhängen mit der Bundesrepublik Deutschland, in den Köpfen der Anwesenden, dem Kopf des Betroffenen eingeschlossen, abgehakt und abgelegt.“
Nun, ich bin nicht Daniel Spoerri, also lassen wir das Fallenbild fallen. Dennoch fühle ich mich ein bisschen wie in einer Falle, denn weder weiß ich, was ich Hörenswertes sagen soll, noch sehe ich weit und breit einen Legitimationsvorrang dafür, dass ich und nicht andere hier stehen und reden: Alles, was ich sagen könnte, wäre virtuell, denn ich kenne Daniel Spoerri lediglich aus dem Internet, aus Zeitschriften und aus telefonischen Informationen Dritter. Statt meiner sollte also vielleicht ein Kollege, Schüler, Freund Spoerris jetzt sprechen. Alles, was ich sagen könnte, wäre ferner halbgebildet, denn ich bin Diplomat im Beruf, Jurist im akademischen Rang, Musiker, Leser, Dichter und Denker aus Passion, aber in Bezug auf die bildenden Künste bloß Interessent und Bewunderer. Also sollte statt meiner vielleicht ein Museumsdirektor oder Kunstjournalist vor Ihnen stehen. Alles, was ich sagen könnte, wäre schließlich angesichts des Kosmopoliten Daniel Spoerri recht regional, um nicht zu sagen provinziell; österreichisch, genauer gesagt: wienerisch, maximal vorälplerisch. Statt meiner könnte der schweizerische, rumänische, französische, italienische Kulturattaché mit zumindest ebenso viel Fug und Recht Daniel Spoerri und Sie, meine Damen und Herren, mit seinem Grußwort beglücken.
Die Falle hat jedoch schon zugeschnappt, denn hier bin ich und plappere bereits. Meine einzige Chance: in ihr zu bleiben und zugleich sie nochmals auf ihren Fallencharakter zu untersuchen, gleichsam im Geiste nochmals mich nach außen zu versetzen und bewusst in sie hineinzugehen. Wenn es nur gelänge, dass die erwähnten Fallengitterstäbe namens Unkenntnis, mangelnder Nahebezug und unzureichende kosmopolitische Qualitäten sich zu Strohhalmen der Rettung meiner Legitimation erweichen ließen …. .
Ich muss und will versuchen, diese Chance wahrzunehmen, und bitte Sie um Ihre Begleitung.
Um die Strohhalmqualität der Gitterstäbe aufspüren zu können, scheint mir jedenfalls ein anderer Ansatz angesagt. Ein etwas egoistischerer, auf weite Sicht jedoch der einzig sinnvolle: Nicht die Frage „Was habe ich zu und über Daniel Spoerri und seine Kunst zu sagen?“, sondern die Frage „Was sagt Daniel Spoerri einem Diplomaten, partiellen Kunstbanausen, Österreicher?“ dürfte weiterhelfen. Wenn er einem Menschen dieser Art etwas sagt, dann ist dieser legitimiert, dies auch anderen mitzuteilen.
Daniel Spoerri sagt aber nicht nur etwas, er sagt uns österreichischen Kulturdiplomaten ohne viel Kunst-Background sehr viel. Er lehrt uns. Er lehrt uns Neues und er lehrt uns, unser Metier neu zu sehen. Mir zeigt Daniel Spoerri jedenfalls, was ein Diplomat sein soll, was Kunst ist und was Österreich sein kann. Und er zeigt mir, dass diese drei zusammenhängen.
Wie, womit, wodurch zeigt er das? Ich würde bewusst ein großes Wort gebrauchen und sagen, er zeigt es durch sein Sein. Dieses steht vor der Trennung in Leben und Werk und kann gleichsam als der Antrieb, der Atem und das gemeinsame Blut von Leben und Werk bezeichnet werden.
Mit seinem Sein zeigt Daniel Spoerri mir, was ein Diplomat sein soll: Lebensthema des Diplomaten ist der Umgang mit dem Spannungsverhältnis von Heimat und Fremde. Daniel Spoerri hat vorexerziert, wie dieses bewältigt, weil gelebt werden kann. Spoerri scheint dabei nicht gänzlich heimatlos zu sein. Seine Heimat ist die heimatlose Heimat des Mitteleuropäers, er fühle sich als Mitteleuropäer, wie kürzlich in einem Interview zu lesen war. Er denkt, lebt und ist nicht wurzellos, nur sind sowohl die Wurzeln als auch die Äste seines Lebensbaumes weit über die kleine Parzelle ihres ersten Keimes hinausgewachsen. In diesem Sinne ist er eben Mitteleuropäer, hat er im Alter jene Region entdeckt, die man als Mitte Mitteleuropas bezeichnen könnte, Wien und Umgebung. In diesem Gebiet berühren einander seine rumänischen und seine schweizerischen Wurzeln. Ungeachtet dessen lebte er, ohne sich unwohl zu fühlen, aber ebenso ohne sich verwurzeln zu können oder zu wollen, genauso auch außerhalb der Wurzelregion – in Deutschland, Frankreich, Italien, den USA usw.. Und gerade dort, in dieser relativen Fremde, war es, wo Spoerri Wesentliches geschaffen, Freunde gewonnen und Freunde gefördert hat– denken wir an das Zimmer im Hotel Carcassone oder den „Giardino“ in der Toskana. Was aber ist von einem Diplomaten anderes zu verlangen als der immer neue Versuch, seine nationale Verwurzelung in eine übernationale, regionale zu erweitern und sein Leben samt seiner Arbeit auch außerhalb dieses Gartens fruchtbringend zu führen? Zu wissen, wohin er gehört, zu lernen, dass wir alle nirgendwo- und überallhin gehören und nicht gehören, und sein Leben in den Erweis der Lebbarkeit dieses Spannungsverhältnisses zu stellen?
Daniel Spoerri lehrt mich zweitens, was Kunst ist. Kunst ist nichts Abgehobenes. Die einzige Abgehobenheit der Kunst ist jenes Abstandnehmen vom Leben, das für den Fingerzeig nötig ist, der uns bedeutet: Gegensätze sind keine Widersprüche. Kunst ist die Bejahung, der Nachvollzug dieser Entdeckung, das antwortenden Spiel des Menschen mit ihr. Kunst ist Bewegung in der Ruhe und Ruhe in der Bewegung; Kunst ist Schaffen in der Nachahmung und Nachahmen im Schaffen; Kunst ist andauernde Veränderung und sich verändernde Andauer; Kunst ist die Entdeckung der Außergewöhnlichkeit des Alltäglichen und der Normalität des Außergewöhnlichen; Kunst ist Inspiration des Handwerks und Handwerk der Inspiration. Kunst ist nicht bloß Oper, Drama, Skulptur und Aquarell – Kunst ist Essen, Tasten, Schmecken, Lieben, Arbeiten, Leben; ebenso gilt: Leben ist nicht bloß Arbeit, Leben ist Gesang, Bühne, Form, Farbe. Der Fingerzeig wird zum Fingerhaken, der die Abgehobenheit wieder aufhebt, indem er das Leben in die Kunst hebt oder die Kunst ins Leben zieht und beide miteinander verhakt. Zu wissen, was Kunst ist, ist daher keine esoterische Sondererkenntnis, sondern intensive Welt- und Selbsterkenntnis. Und hier wird der erste Zusammenhang deutlich, den wir in der Lehre Spoerris entdecken, denn wem tut intensive Welt- und Selbsterkenntnis mehr wohl und wer hat sie auch mehr not, als der Diplomat.
Schließlich zeigt mir Daniel Spoerri, was Österreich sein kann. Nicht weil er ein guter Österreicher wäre, er ist gewissermaßen gar keiner. Doch weil er gewissermaßen gar keiner ist, ist er gewissermaßen einer. Das ist mehr als nur ein Wortspiel, es ist eher der Versuch einer Wesensbestimmung Österreichs. Österreich als das Land, das nur es selbst ist, wenn es von sich selbst absieht; Österreich als das Land der verweigerten Eindeutigkeiten, der großen Relativierung und der großen Einbeziehung; Österreich als das Land, dessen geographische Lage, historische Erbschaft und kulturelle Potentialität in der Weise genützt werden könnten, dass religiös, ethnisch, ethisch oder ästhetisch legitimierte Abschottungen als scheinlegitimiert entlarvt und zu legitimen Unterscheidungen innerhalb der einen vielfältigen Lebendigkeit zurückdimensioniert würden; Österreich als das Land, das für die Vereinbarkeit, ja für die wechselseitige Befruchtbarkeit von Leben – inklusive Politik - und Kunst stehen könnte. Österreich als das Land, das mit und aus den Künstlern entsteht, die auf ihm sesshaft werden oder Rast einlegen. Es scheint mir wohl bezeichnend zu sein, dass gerade der sektorenüberbrückende Daniel Spoerri es war, der in sich in Hadersdorf am Kamp in zwei ländlichen Anwesen niederließ: in einem Dorf, das inmitten des sich als Herz Europas definierenden Österreich dennoch völlig aller Welt entlegen zu finden oder eben kaum zu finden ist, am kleinen Kamp-Fluss nahe dem großen Donaustrom. Ist Österreich nicht just jene Materialisierung einer Mentalität oder Idee, in die als „Heimat Mitteleuropa“ gerade ein beinah achtzigjähriger Mann heimkehrt, der einst als jüdisch-rumänischer Junge protestantischer Erziehung aus seinem Land vertrieben wurde, danach zum Tänzer in der Schweiz sich entwickelte, dann zum franco-phonen und franco-philen Erfinder des Fallenbilds, zum deutschlandgeübten Restaurantbetreiber und schließlich zum italienansässigen Bildhauer wurde? Österreich als Refugium genialer Künstler in ihrer Reife aus aller Welt wie etwa W.H. Auden oder eben Daniel Spoerri, Österreich, das die Mitte Mitteleuropas und zusätzlich selbst ein vermittelndes Europa wäre, dieses Österreich ist mein Wunsch-Österreich. Dieses Österreich könnte – in Umkehrung eines Wortes von Karl Kraus – Versuchsstation nicht des Weltuntergangs, sondern des Weltüberlebens sein, Symbol des Friedens.
In Daniel Spoerris Sein, d.h. dem, was sein Leben und Werk durchpulst und zusammenfügt, wird für mich deutlich, was ein Diplomat sein soll, was Kunst ist und was Österreich sein kann. Und es wird deutlich, wie sehr diese drei zusammengehören; wie sehr sie sich voneinander her definieren, wenn man den Mut, die Größe, die Weite und die Tiefe einer Zulassung zulässt, der Zulassung neu zu erfahren und neu zu bekennen: den Diplomaten, d.h. den Beruf, die Berufung, sich selbst; die Kunst, d.h. die Kultur, das Leben, die Totalität; und Österreich, d.h. sein Land, die Wurzeln, die Heimat. Neu erfahren und neu bekennen. Ent-grenzt, ver-rückt, schräg. Den Mut, die Größe, die Weite und die Tiefe Daniel Spoerris müsste man haben. Als Mensch, d.h. auch als österreichischer Kulturdiplomat. Ich danke Daniel Spoerri für seinen Mut, seine Größe, Weite und Tiefe, wünsche sie Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, und mir, danke dem Ludwig Museum in Koblenz, der Stadt Koblenz und all den Organisatoren, Kuratoren, Mitarbeitern und Sponsoren, die diese Ausstellung ermöglicht und realisiert haben und danke schließlich nochmals Daniel Spoerri dafür, dass er ihnen diese Ermöglichung und Ihnen, liebe Festgäste, und mir den Genuss der Wahrnehmung dieser Ermöglichung ermöglicht hat.
Und als kurzes Post-Dictum verrate ich Ihnen: Die Falle ist zu einer großen Befreiung geworden.
Letztes Update: Donnerstag, 27. Okt. 2011