Felix, Fanny und das Lied vom Lied
Europäischer Liederabend mit Vertonungen von Felix Mendelssohn Bartholdy im F.-Hoess-Saal der Österreichischen Botschaft, 03. Februar 2009
- Wilhelm Pfeistlinger, Direktor des Österreichischen Kulturforums Berlin -
Über Felix Mendelssohn-Bartholdy werden Sie heute noch sehr viel erfahren. Und das zurecht, denn heute vor 200 Jahren wurde dieser bedeutende Komponist geboren. Worüber Sie nichts hören werden, sind seine Beziehungen zu Österreich, denn es gibt praktisch kaum welche. Wie bei keinem anderen deutschen Tonschöpfer seiner und auch späterer Zeit spielt Österreich, insbesondere Wien keine Rolle. Welcher Dämon muss da die Leitung des Österreichischen Kulturforums Berlin heimgesucht haben, dass dieses sich in einer derart intensiven und ausschließlichen Weise dieses Mannes annimmt?
Es ist derselbe Dämon, der Mendelssohn heimgesucht hat. Derselbe, der seine Schwester Fanny, der beider Referenzgröße Bach, der van Beethoven, van Gogh, der Monteverdi und Giuseppe Verdi, der Hölderlin, Homer und Heine, Mozart, Michelangelo und Falco, Schumann, Schubert, Weber, Webern, der Kafka, Brod und Broch, der Mahler, Raffael und Beckett, der Grönemeyer, Attenborough und Turgenieff und der vermutlich Matejka, Gulda, Theler und Sie und viele Ihrer und unserer Freunde heimgesucht hat: der Dämon des Lieds.
Der Dämon des Lieds scheint mir wie ein Demiurg Europas zu sein. Er ist der Sänger des Gesangs, aus dem die Lieder sind. Ist Europa nicht aus Lied gestrickt? Aus jenem unzerreißbar zarten Seiden-Woll-Mischgewebe von Laut und Ton und Klang und Wort und Bild und Geist und Seele? Dennoch ist es nicht ein Lied mit einem bestimmten Thema, ein Lied „über“, das Europa vor allen Unionen seit Jahrhunderten verbindet und heute noch zusammenhält, denn zu viele Lieder sind gegeneinander gesungen worden und werden nebeneinander gesungen in Europa, als dass es ein einziges Lied wäre. Zu oft sind die Lieder auch verstummt oder in Schreie verebbt. Es gibt kein Lied Europas, es gibt ein Europa des Liedes. Oder präziser: Das Lied Europas ist das Europa des Liedes. Das Lied Europas ist das Singen selbst, das Lied in allen Liedern, das Lied vom Lied; mit seinem Reim von der unausrottbaren Singbarkeit, mit seinem Rhythmus von der Geburt des Seins aus dem Lied, mit seiner Melodie von der Verwandelbarkeit allen Schreckens in Lied, mit seinen Fermaten vom Hineinsterben aller Vision, allen Denkens, allen Hörens ins Leben des Liedes, das Lied vom Singen selbst noch in den Pausen des Schweigens. Hat sich Europa nicht immer noch am Lied gerettet? Ist Europas Bande nicht das Vertrauen auf die Unüberwindlichkeit des Lieds vom Lied?
Der heutige Abend bildet den Auftakt zu einer Reihe, die wir „Europäische Liederabende“ nennen wollen. Wenn eine Schweizerische Sängerin, ein österreichischer Pianist und ein gelehrter österreichischer Journalist vor einem Berliner Publikum Leben und Werk eines in Hamburg geborenen, von den Ereignissen des Lebens zum Berliner bestimmten, europareisenden, südsüchtigen, in Leipzig verstorbenen Musikers zum Klingen und zur Sprache bringen, so machen sie Europa singend sichtbar. Und legen, so meine ich, modellhafte Fundamente frei für alles Vereinigen und Vereinen auf diesem Kontinent.
Letztes Update: Donnerstag, 27. Okt. 2011