österreichisches kulturforum Berlin

Zur Sprache gebracht - Erste Wendelin Schmidt-Dengler Herbstvorlesung

"Zur Sprache gebracht - Erste Wendelin Schmidt-Dengler Herbstvorlesung" in der Österreichischen Botschaft Berlin, 01. Oktober 2010

- Ferdinand Schmatz -


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Die Wirklichkeit – sie ist gegeben, aber wie nehmen wir sie wahr? Über die Sinne. vermittelt über die Sprache, durch die Sprache, in der Sprache?! Die Literatur – sie ist mehr als eine äußere Form der Vermittlung, sie ist Innenwelt wie Außenwelt, aus Sprache, in Sprache. In welcher Form spricht sie hier?
So: Sie singt ein Lied. Sie singt ein Lied – der Poesie. In mir. Und ich singe es ihr. Ich singe also? Nein. Meine Form ist kein Lied. Ich sage nur: ich singe.
Was ist dann gemeint mit dem Sagen: Ich singe es ihr und sie singt es aus mir.
Das Lied. Ist das übertragen? Eine Übertragung? Ja. Von Stimme zu Ohr. Vom Sagen zum Lied? Auch, aber nur im übertragenem Sinn. Denn das Lied hier ist ein Vortrag, dieser wird und ist dann gegeben. Aber er wird nicht gesungen.  Er klingt, hoffentlich. Also wäre er dann eine Art anderes Lied. Die Stimme ist vorhanden, als tragendes Mittel der Botschaft, aber sie hebt nicht an zum Singen. Soll der Begriff des Singens einen Ton andeuten? Ja, das soll er. Ist dieser Ton die Botschaft? Ja, auch. Ein hoher Ton, eine hohe Botschaft? Ja, er soll etwas feiern helfen. Nein, er soll auf dem Boden bleiben. Nicht abheben ins Abgehobene. Das ist ein Vorhaben. Meines. Wir wollen ja verstehen. Das widerspricht wiederum nicht dem Singen. Wer singt, der hört, und versteht, möglicherweise besser. Besser als was? Er versteht mit anderen Mitteln, die zur inneren und äußeren Form werden, mehr als nur zur Nachricht. Zur Botschaft?   Das wäre ein Traum. Mein Traum. Sie und ich, wir verstehen mehr, als die Information sagt. Über die Nachricht hinaus sage ich etwas und hoffe, wir hören ein Lied. Ich bin also nicht nur alleine: das Medium und der Hervorbringende. Wir sind es miteinander. Alle zusammen weniger als alles und mehr als eins. Gleich, aber anders. Das verstehe ich nicht unter Wirklichkeit, das verstehe ich als Wirklichkeit; die Erweiterung der Erfahrung, die über ein Modell, das wir von der Wirklichkeit haben, hinausreicht oder zurück in eine sinnliche Vergegenwärtigung, die dieses Modell, im Schreiben, im Lesen, im Hören, über den Modellcharakter hinaus, erfahrbar macht.   Singensagen. Sagensingen. Wirklich allein und zusammen.    

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Da wäre – Hölderlin. Der Umgang mit dem Geheimnis. Der Gang in alle Richtungen. Im Gedicht. Über das Leben. Und zwar über die Hälfte. Des Lebens. Was darin hängt in den See ist nicht allein die Frage. Wie hängt es, das: die Birnen, – sind sie saftig, ja, sie sind ja gelb, also reif, fruchtig. Das steht nicht im Gedicht, aber wir schmecken dieses Fruchtige durch die Art und Weise, wie der Dichter damit unser Bewusstsein speist, sie uns auf die Zunge legt, sie uns ins Ohr hebt, verpflanzt. Er verpflanzt sie als Satz. Der Vers ist ein Satz. Aber welcher? Aber welcher! Hölderlin führt etwas zusammen, was eine Brücke ist, die den Himmel und die Erde erst spürbar und sichtbar macht. Nicht die Birnen hängen mit den Rosen in den See, das Land hängt. Das ganze Land. Dieses hängen ist die Brücke. Und was machen die Schwäne darin? Sind sie im Bild – ja, das schon. aber es zu beschreiben, das heißt: auch zu schweigen. Es im Stillen zu finden ist auch, es mit zu erfinden. Das ist dann die Wirklichkeit. Die nie fertige ganze. Ein See aus Birnen. Ein Wasser aus Schwänen. Die Wirklichkeit einer Frucht, eines Wassers  – auch aus  gelben und weißen Zeichen Und wir, die trunken sind von den Küssen des – Gedichts. Die Schwanenden –   mit den geküssten Augen, mit dem Geschmack des Fruchtfleisches der Birnen im Mund. Mit dem Dichter im See. Hölderlin ist der Dichter im Gedicht. Er ist nicht wirklich im See der Zeichen, aber der See aus Zeichen ist wirklich. In uns. Er nennt das: „Hälfte des Lebens“. Das ist unsere ganze Hälfte, die wir auf der Brücke verweilen, als gefundener Strom.   So spricht es in uns wie in ihm. Er und wir zeichnen es nicht nur nach. Wir erfahren es und uns damit anders. In diesem Sprechen, das ein Singen ist. Ein wirkliches Singen ist ein wirkliches Hören.   Ist das die Welt? Die ganze, die von ihm in ihm für uns mit ihm in uns?    

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Der Begriff des Ganzen oder des Einen hinkt. Nicht an sich. Letztlich wäre er der Traum (und der Albtraum zugleich). Er setzt eine Auffassung von einem Gebilde voraus, das an sein Ende gelangt.   Ist dieses Ende erstrebenswert – als Traum des Ersten (Grundes); und wenn dieses Ende nicht umgehbar ist – als Albtraum des Allerletzten (Todes). Sagen wir ja: Wir drängen danach, ganz zu sein und eins. Wir und das, was wir sind durch das, was wir uns vorstellen, und durch das, was wir damit und daraus tun. Aber genau daran und darin hinken wir, nicht nur außerhalb des Gedichts herum. und mit uns der Begriff vom nie verwirklichbaren Ganzem und Einem. Der Begriff vom Ganzen und vom Einen in der Literatur hinkt aus diesen Gründen des Scheiterns im Tun zum Ganzen hin ebenso. Er soll zwar das sein, was wir sein wollen, das Ganze, aber er kann es nicht sein: Weil uns die dichterischen Mittel fehlen, das Ganze auf seine herrlichste und - schrecklichste Weise – ästhetisch, sprachlich zu bilden? Dennoch gibt es ja diesen Drang nach dem Ganzen und Einen. Nach dem Ende? Sagen wir: nach dem Absoluten im Sinn von Kafkas Einheit von Intuition und Erlebnis – ist diese möglich? Die Wirklichkeit ist dann doppelt, eine gegebene und eine mögliche, eine gegebene Wirklichkeit und eine mögliche Wirklichkeit, ganz zusammen, und dennoch nicht das Ganze:   Das Ganze ist in der Literatur und Kunst das Andere, ein bewegliches Schema, mehr als das, ein sich ständig erneuernder Kern aus – Alles und Nichts, lapidarer: aus Wirklichkeit Und Möglichkeit. Der Kern ist das, was das Werk ausmacht, er ist da, und wir schälen nicht nur um ihn herum, wir befinden uns auch in ihm drinnen und herum. Die Kerben, die wir dabei hinterlassen, sind so oder so – sagen wir hässlich oder schön, aber das darf nicht der Geschmack sein, der das festlegt. Sondern die Regeln des Anderen, das alles ist im Nichts - im Sagen der „Unmöglichkeit alles zu sagen und der Unmöglichkeit, nicht alles zu sagen“.
Diese „ganze Literatur“ ist also keine Schattenwelt oder keine Welt des Widerscheins, kein Spiegel allein, kein Abbild allein, das alles auf einmal wiedergeben sollte. sie bringt dieses vielmehr als Teil in einem bestimmten Moment der Zeit als Inhaltform hervor. Diese Form betreibt das Ganze, baut an ihr, ist aber nicht das Eine. Sie ist immer Teil in Bezug auf die Organisation der Teile zu diesem Ganzen, und diese Form ist nicht der Mechanismus, sondern der Inhalt als Form, der Mechanismus sein kann.    

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Im Holismus, ohne mich ganz mit ihm zu verbandeln – mehr ist es ein Verhandeln oder ein Verwandeln – finden wir das Ganze als Gegenstand des Beziehens angeführt, also in jener Kraft, die in die Funktion der Beziehung der Teile zweckmäßig eingreift und sie mit den im äußeren Feld vorgebildeten Zielen der Entwicklung vereint. Damit steckt das Ganze nicht im Detail, es ist und bleibt das Primat, das Ganze. Es umfasst das Denken bis hin zum Handeln, und ich behaupte: Hölderlins Gedicht „Hälfte des Lebens“ ist zumindest dieses Ganze, also das Leben, das als dichterisches in uns handelt, also auch unseres ist. Die Wirklichkeit ist mehr als die Gesamtheit aller existierenden Objekte, die wäre die Realität; der See, die Birnen, die Schwände, die Rosen. Und eben nicht nur dahinter wird dann der Topos der Möglichkeit installiert, sondern er wird verwirklicht: heiligtrunken? – auch das, berauscht jedenfalls Im dichterischen Holismus ist die Trennung von Wirklichkeit Und Möglichkeit überwunden, und ich behaupte weiters, und verlasse Hölderlins Epoche, die ich übrigens durchaus auch als gegenwärtige in der holistischen Lesart aus Singen, Hören und Buchstabieren verstehe, behaupte also    

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Josef Winklers heurige Rede zum Bachmannpreis ist so eine Überwindung von Wirklichkeit Und Möglichkeit, indem sie beide zu vereinen versteht. Sie singt den Widerstand aus Wirklichkeit Und Möglichkeit, wobei sie das Gegebene mit dem Halluzinierten nicht vermischt, sondern das eine aus dem anderen generiert, und somit eine Wirklichkeit herstellt, die nicht nur das engere politische Thema, die Kärntner Misere, berührt, sondern die Misere in uns, die wir nichts tun, oder nicht einmal das, sondern, so tun als ob – ! Das verstehe ich unter Möglichkeit UND Wirklichkeit als eine, die keine zweite ist, sondern die als Literatur zur ersten wird, zum Kern, die dennoch ganz ist und offen bleibt:   Und, ich meine nicht den Möglichkeitssinn Musils. Nicht wie bei ihm ist das Mögliche  ein Zweites, der „andere Zustand“, sondern wird Teil des Wirklichen und nicht nur Noch-nicht-Wirkliches. Als zweite, andere Ebene wäre es ein Reservat des Entwurfs, das Ausdenken einer Gegenwelt, das Träumen im schönen Garten der Phantasie, den wird dann alle, ohne Konsequenzen zu ziehen, betreten könnten. Hölderlins Gedicht ist keineswegs dieser Garten der zweiten, enthobenen Welt. Er ist nicht Phantasie, auch mehr als wirklich werdendes Phantasma. Mehr als das Reale und das Imaginäre, auch mehr als der Ort der Heterotopie, der Ort der ersten Wünsche, der Obsessionen, des Nullpunktes. Denn: alle diese inneren Zustände werden erfüllt während des Betreten des Ortes, des Gedichts, der Rede, und im darin Wohnen, denn „dichterische wohnet der Mensch“ auf dieser Erde – und wir wissen nicht nur dank Heidegger, dass Wohnen von Bauen kommt, und das Zeitwort „sein“, mit seinem „ich bin“ und „du bist“, vom Zeitwort „bauen“. Und bauen heißt: bewirken und wirken, zumindest eine Veränderung in unserem sich aktiv, also in unserem sich „schonend wohnend“ Beteiligen. Wie auch die Rede Josef Winklers dieses Wohnen in uns Hörern  bewirkte, eben weil sie schonungslos war, und jene Wirkung, nein: Erfahrung des Ganzen in uns auslöste, die aus der Nachricht über eine individuelle daraus entwickelt Form die rauschende Botschaft in unser Bewusstsein übertrug, zustimmend, ein Aufbruch.   ­– Und damit ist nicht das Schulterklopfen des Betriebes gemeint, der ja auch irgendwie gemeint war, mit Kärnten. Dazu brauchen wir kein Übersetzungshandbuch und keinen Dolmetscher. Aber um das Poetische, das Andere zu erkennen, ebenso nicht. Wir interpretieren es, um es zu verstehen, durch Beobachtung der Erfahrung, die es in uns auslöst. Anders, auch ohne Hilfsmittel, macht es sich breit. Das ist die radikale Interpretation. Winkler sagt nicht was, sondern das, er zeigt es uns in Bildern und Verkettungen, und das kann interpretiert werden. Aber gesagt muss es sein, um in uns weitergebaut zu werden.    

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Wir brauchen wenige Worte, um das Wesentliche zu sagen. doch alle Möglichkeiten des Zusammenbauens brauchen wir, um es wirklich werden zu lassen. Bei Winkler ist der Bau der Rede die Brücke zwischen Texten von Ingeborg Bachmann und seinen Erfahrungen nicht nur gleichsam, sondern eine in diesen Texten, und aus jenen Erfahrungen, die er beim Durchschreiten von Klagenfurt erlebt. Der Moment des Schielens tritt auf. „Immer wieder schiele ich nach rechts“ Richtung Stadt, die er für uns umbauen wird, im Raum der Grammatik als Zeiterfahrung: „während ich“,  so lange dauert dieses !während“, das zum „Währen“ wird, bis die Leerstelle dieser fehlenden Bibliothek gefüllt werden kann. Auf diese Weise des Sehens, das er uns durch das Schreiben aufschließt. Es ist der Blick um die Ecke, der gestörte Blick, nicht der gebrochene. Er öffnet, denn aus dieser Perspektive beginnt das Stabile zu wanken, wird zum winkenden Baustein einer neuen Form, die so inhaltlich ist, dass sie Erkenntnis bedeuten, also hervorlocken kann.   So ist das bei Winkler und Hölderlin: „Schielen ist Erkenntnis“, so wie es das Rauschen in der Kommunikation zwischen Sender und Empfänger ist, ist in „Prozess und Realität“ des Philosophen Whitehead die „anschauliche Unmittelbarkeit“, um die es uns geht, ein Analogon zum Schielen. Das Abweichen von der Norm als neues Maß, das zum Messen auffordert, zum Tun, zum Einrichten. Der Raum ist kein fest umrissenes Gebilde mehr, sondern ein Ort aus Orten, der mit der Zeit geht, wie der Buchstabe es sein kann und geht im Wort, oder das Wort geht im Satz. Es geht kurzweilig, unmittelbar um den konkreten Ort, den Winkler anders als Hölderlin aufsucht, der ihnen aufgesucht wird, und den sie betreten, um darin kurzweilig, aber konkret wohnend zu zeigen, dass es schonend nicht immer geht, weil es sonst steht, also: nach schonungslose Attacke verlangt, die aber im Strom der Poesie, im textlichen Bau eingebettet ist, und zur Brücke wächst, die wiederum zu jenem Text  wächst, aus ihm und in uns hinein.   Das heißt wiederum: die Literatur als Wirklichkeit braucht auch das Ohr und das Auge und die Lippen der Menschen, die sagen, was das Gedicht sagt, jeder auf seine Weise, aber wirklich, wirklich umgedreht und umgedreht und umgedreht– egal, ob die Wirklichkeit draußen wirklich was anderes ist, im Prozess des Verwandelns wird sie zur inneren. So ist das bei Winkler, Hölderlin, und so ist das bei Elfriede Jelinek. Denken wir an ihre Rede zum Nobelpreis. Die von ihr als vorgegebene Wirklichkeit bezeichnete, Mürzzuschlag, Rechnitz, ist dabei eine, die alles verbraucht, was sie braucht, fordert, und nie das hervorbringt, sondern umbringt, was sich ihr entgegenstellt, ob gewollt oder nicht. Aber die Literatur will. Und so halten wir uns mit ihr gar nicht raus, sondern mehr als rein, und das führt zu Wirbeln, die zeigen, die spürbar machen, dass sie eine andere ist, die Wirklichkeit, aber die, welche dann herauskommt, die ist dann keine andere, sondern das Andere aus Wirklichkeit Und Möglichkeit – das Andere, das ein drittes Zeichen ins Spiel bringt, das nicht binär das Bezeichnete (Ding) und das Bezeichnende (Wort) zur Deckung bringt, sondern ein gleichsam magisches Zeichen der Erweiterung und gegenseitigen Verwandlung ist. Nicht nur die Vergegenwärtigung des Zeichens im Ding, sondern dessen und seine eigene Kraft, die Natur nicht nur bezeichnet, sondern Teil dieser Natur wird. Formales (das Bezeichnende) und inhaltliches Element (das Bezeichnete) werden durch die Konjunktur der beiden zu jenem dritten Element, die imaginierte Ähnlichkeit zur verbindenden Ähnlichkeit. Der reine Blick und der reine Gegenstand umgeformt, wie etwa Vergangenheit und Zukunft, Erinnern und Vergessen, Katzensilber und Henselstraße, Pastior und Müller, Mutter und Kind, Name und Handlung – in und aus den die Wirklichkeit Und Möglichkeit Erfahrenden, aus dem sie dichterisch hervorbringenden Medium in das unsere, das diese Wirklichkeit, das sei nicht nur so nebenbei erwähnt, niemals bewältigt. Jelinek bewältigt nicht, Winkler bewältigte nicht, Hölderlin bewältigt nicht, wir bewältigen nicht, die Literatur aus Wirklichkeit Und Möglichkeit bewältigt nicht. Sie rettet auch nicht vor der Gefahr, sie ist Gefahr, als Fahrendes, das den Zustand des Festgefahrenen aufzeigt und ins Bewegen bringt, und zum Retten wird, das vor allem „messen mit anderem Maß“ bedeutet ­ – um den Raum freizugeben, um darin entfalten zu können, was vergewaltigt oder bewältigt wurde. (Jörg Haider und die Götter, sie sind nicht das Thema, sie sind bestenfalls das, was langläufig unter Thema gehandelt wird, und an dem sich der Künstler oder Dichter abzureiben hat. Und das ist es nicht allein.) Diese Wirklichkeit allein in Verwirrung bringen, eine Wirklichkeit, die wir nicht mögen, wenn in ihr jene leben, die sich nur selber lieben und ihre Rente und ihren Hund, das war nicht nur Tristan Tzaras Vorhaben. Seine Wirklichkeit war die Gegenwirklichkeit der Provokation, und das Entscheidende daran waren die Mittel, die er einsetzte, um diese Wirklichkeit politisch-ästhetisch zu gestalten. Nämlich: Die Verfügbarkeit über alle Mitteln der Darstellung, fern eines Epochenstils, über jede Traditionsablehnung hinaus. Das gilt nur oberflächlich betrachtet auch für das Werk von Jelinek. Die Provokation ist nicht Selbstzweck, sie stellt sich ein, weil sie Teil des Unerwarteten ist, das hier als Wirklichkeit UND Möglichkeit aufgebaut wird. Ihre Wortgerümpelskulpturen behaupten sich als Schönheit des Hässlichen, wodurch sie das Metaphorische, das verbraucht schien, durch ein schiefes Zusammensetzen wieder ins Spiel bringen kann, wobei die Metaphern metonymisiert von der Übertragung aus in Bewegung geraten, hinken, taumeln – auch Jelineks Sprache schielt, ihre Sprache, die nie zu der ihren werden darf, da sie alle Anregungen aus der Medienwelt annimmt, inhaliert und vermengt. Unsere  gesamte Gegenwartskultur ist in dieser Sprache anwesend, und obwohl sie simuliert auftritt, wird ihre Anwesenheit schmerzhaft erfahrbar, da sie auf die Abwesenheit von Inhalten draußen wie drinnen verweist, im sozialen kollektiven Feld genauso wie im individuellen, und als „Ganzes“ im innerästhetischen des Textes erfahrbar gemacht. Es geht also auch Jelinek in einer verqueren, erschwerten Sprache – die Natur als sozialen Schauplatz klassifiziert wie sie den sozialen Schauplatz als natürlichen klassifiziert, die Anthropomorphismen einsetzt, um die Verfügbarkeit der Welt als wirkliche zu suggerieren, dabei aber die Lächerlichkeit und Ohnmacht dieses Unterfangens aufzeigt –  es geht ihr also anders, nämlich im drastischen Aufzeigen seines Mangels, weniger um den inneren Zusammenhang der Dinge, den Ossip Mandelstam in der Natur des Wortes erkannte, weniger um die Dinge selbst. Sie kristallisieren sich sozusagen so gezeigt aus diesen Zusammenhängen heraus, ständig in Bewegung, in Auflösung begriffen und dennoch wieder nach Festigkeit strebend. Bei ihr in diese Wortgerümpelstruktur hineinwachsend, diesem Ganzen. um aus diesem Prinzip des Zusammenhangs wieder heraus zu fallen, da er nicht der vorgestanzten Kausalität folgt, oder in sprachlich-linguistischer Form, sich dem Nominalismus oder dem Logozentrismus unterwirft.    

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Dieses Schreiben ist dennoch Erkenntnissuche, aber ein Vorgang, der anders bestimmbar ist auf seinem Weg, als ein realistischer Text, der die Plausibilität seiner Figuren mitliefert (was den Realismus ausmacht). Wie diesen Weg, der auf die sich nicht unterwerfende Möglichkeit setzt, nachvollziehen können?   Wer kann nach den Schreibenden, diesen Weg der gesuchten Abweichung, nachvollziehen, nachgehen – der Leser, der Kritiker, der andere? Wertet er dann oder erkennt er oder sucht er oder was sonst, noch? Die Schichten des Werkes sind immer viel. Die Interpretation fasst oder packt oder streichelt oder zerbricht immer nur eine, die aber dann das ganze Werk ausstellt und derart auf den Markt wirft und dort brandmarkt. So oder so. Er muss zerlegen, hier der Weg, hier das Ziel, hier der Inhalt, hier die Form. Diese Trennung wäre jene unglückselige alte von Inhalt und Form. Sie ist zu abzulehnen. Die Literatur ist unteilbar. Anders: Literatur ist unteilbar, kann sich also selbst nicht erkennen, wer sie erkennen will, muss Lüge sein. Der Autor aber will erkennen, also lügt er. Literatur ist als andere Wahrheit die wahre Lüge. Der Autor ist also nicht der übliche Lügner, der Wahrheit mit dem sanktioniert Bekannten und Üblichen gleichsetzt. Literatur als Wirklichkeit flieht das Übliche nicht, es erweitert es mit Möglichkeit. Literatur als Wirklichkeit UND Möglichkeit ist unteilbar. Nach Hans Jost Frey formuliert: Die literarische Rede ist nicht trennbar von ihrem Gesagt-werden. Sie ist kein beliebiges Reden über einen bestimmten Gegenstand, sondern ein bestimmtes Reden über einen beliebigen, der aber im Feld des Wirklichen existieren kann, dort möglich gemacht oder unmöglich gemacht wird. Doch: Literatur kann nicht die althergebrachte, sanktionierte Wahrheit sein, die teilbar ist in „gut“ und „schlecht“, „wahr“ und falsch“. Ihre binäre Wahrheit wird zu einer dritten im Denken vor oder nach der ordnenden Vernunft. Deshalb ist diese Literatur die Lüge. Sie ist unteilbar. Sie ist das richtige Falsche. Wahr und falsch sind im Wort gleichzeitig vorhanden. Es kommt darauf an, das eine im Licht des anderen zum Strahlen oder im Schatten des anderen zum Verstummen zu bringen. Strahlung und Schatten zu erhalten. zu ermöglichen, und nicht auf eine Lichtmessung zu reduzieren. Nicht auf das Was. Nicht auf das Wie.    Wie ist teilbar. Was ist teilbar. Wie und Was sind die Literatur. Sie sind als Ganzes unteilbar.    

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Was ist das bestimmt Unbestimmte: Es ist das Leben der Gegenwart zwischen Gedächtnis des Zukünftigen und Entwurf des Vergangenen, das seine Modelle aus Sprache aufbaut und abwirft wie der Reiter sein Sattelzeug: Überhaupt geht es mir darum, unter das Haupt dieser Art der Vernunft zu gelangen, ohne auf vernünftige Mittel zu verzichten, sie aber anders zu setzen. Diese Setzung ist Literatur aus Möglichkeit UND Wirklichkeit, ist Winkler und Hölderlin und, in einer anderen Umsetzung, die Symbiose aus Bericht und ästhetischer Formung wie sie Hertha Müller und Oskar Pastior in ihrem gemeinsamen Schreibprojekt „Atemschaukel“ vorführen, zeigen: „Hungerengel“ und „Herzschaufel“, die Kernbegriffe des Schreibgebäudes sind unteilbar, das neue Ganze gleichsam im Wort aus Wörtern. Im Aufbau einer Verknüpfung, die über die beiden Kunstwörter auf eine Aussage hinausläuft, die Hertha Müller zur Darstellung eines Lagerlebens erfunden hat. Sie hat das Wort „Herz“ genommen, das Wort „Schaufel“ genommen, das Wort „Hunger“ genommen und das Wort „Engel“ genommen, dann hat sie die einzelnen Begriffe zusammengesetzt. Es sind nicht zungenbrechende Neologismen oder radikale Agglutinationen. Aber sie lösen etwas aus, mehr als einen Vergleich, der für einen Zustand steht, nein, einer, der möglich gemacht wird und im Moment der Auslösung in unserem Bewusstsein leiblich existiert. Die „Herzschaufel“ und der „Hungerengel“ sind Träger einer Literatur aus Wirklichkeit Und Möglichkeit in einem – und als dieses: ein Ganzes aus Inhalt und Form, das nach seiner Konstruktion nicht mehr teilbar erscheint. In uns. Dort erscheint es. Und ist. Im Text als solchen, im Buch „Atemschaukel“ ist es, steht es, gedruckt. Dort ist es lokalisierbar als Teil eines anderen Ganzen, natürlich nicht lokalisierbar wie die Bibliothek in Klagenfurt, wenn sie gebaut werden würde. Sie schwebt gewissermaßen zwischen der Welt und unserem Bewusstsein davon. Nicht im Geist allein, es stellt uns und sich auch auf die Füße jenes Ortes, den zu wohnen wir eingeladen sind, und genau dieses Wohnen ist es, was Literatur als Wirklichkeit im Moment der Verwandlung erschaffen kann. Indem sie sagt und zeigt, singt du schielt, und wir im Inneren, das Ganze begreifen. Über den Begriff in abstrakter Weise hinaus, das Begreifen auch als Angreifen wiedererlernen und so auch sinnlich verstehen. Wir liegen dann unter den Rosen und hängen mit den Birnen in den See, oder teilen mit Oskar Pastior den Hunger und hoffen auf Herta Müllers Herzschaufel, die und den Hungerengel vertreiben helfen wird, mit den von der Wirklichkeit  aufgestellten Haaren Elfriede Jelineks. Übrigens: Eine Wurfschaufel für meine Muse, rief Friedrich Georg Hamann, der Gott als den ersten Poeten der Welt verstand, und wohl ein wenig sich selbst auch. Nicht als Gott zwar, aber als Schöpfer, der dient, indem er beobachtet, sammelt, sich versammelt, aufnimmt, durchfließen lässt, formt, hervorbringt, hervorbringen lässt, dazu aber etwas benötigt, nämlich die Wurfschaufel, – und dann schleudert er oder setzt sanft und behutsam die Brocken oder den Sand oder das Gras oder die Luft und sonst nichts, und das ist viel, auf den Boden auf oder sendet dies alles in den Himmel hinaus, und setzt es somit auch konkret hinüber. Wenn der Geist eins ist und die Sprachen viele, dann ist dieses Übersetzen ein Hinüber- und Heraussetzen, eines, das als solches ins Verstehen führt. Das Übersetzen, ist das Schauen, das „während“ im Übergang von einem Zustand in den anderen, also hin zum außergewöhnlichen Zustand, der durch die Sprache mit hervorgebracht wird. Wie bei Humboldt, wo die Sprache an die Klaviatur des Geistes nicht nur anschlägt, sondern dessen Taste ist. Wie bei Humboldt, wo das, was der Text über die Übersetzung sagt, auf ihn selbst als Übersetzung anwendbar ist.   Grundlegend ist es das Zeigen als ein phänomenaler Vorgang, der,   wie in Müllers „Atemschaukel“, wie in Winklers „Katzensilberkranz in der Henselstraße“, wie in Hölderlins „Hälfte des Lebens“ und nicht nur in den „Kindern der Toten“ von Elfriede Jelinek, die Dinge als Wort, als Baustein mit eigenem semantischen Gewicht nimmt, und es darüber hinaus mit anderen in die andere Art des Zusammenhangs setzt. Fühlen, Denken und Sagen durchdringen sich dabei, und die Durchdringung findet zwar im Einzelnen statt, aber sie zeigt sich auf der Bühne des Blattes oder des Schirms, und wird so zum gemeinsamen Gegenstand der Wahrnehmungs- und Erfahrungsmöglichkeit, medial vermittelt als Schrift oder Laut, der auch den Sinn gebiert, das nicht nur so nebenbei. 

Also noch einmal:  

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Verwandlung wäre der Vorgang –  in einer Welt der Dinge plötzlich so etwas wie den Geist verdinglichen und das Ding ins Substantielle zu bewegen. Das wäre eine Verführung, die nach gegenseitigen Beziehungen verlangt, das Aufgehen dieser in der jener, um von dort aus neu hervorgebracht zu werden, begreifbar zu werden. Was nicht heißt, dass in Klagenfurt nach der Rede Winklers eine Bibliothek vorhanden war, aber der von ihm ins Leben gesetzte Gedanke ist so etwas wie ein tat-sachlicher Bau eines Bildes, das vor mir erscheint und zum Betreten einlädt, fordert, vielleicht sogar zwingt. Und ich denke, da bin ich nicht alleine, wenn ich behaupte, diesen Bau betreten zu haben, Kärtchen für Kärtchen, Bit für Bit, der Katalog öffnet sich, Kinder holen die Bücher, die Augen gehen auf! Hoffentlich, hoffentlich: erblicken wir darin das Gesagte als Gesang und hören es als Schauen.      

Letztes Update: Donnerstag, 27. Okt. 2011