österreichisches kulturforum Berlin

Logosoph und Sophologe. Wendelin Schmidt-Dengler

"Zur Sprache gebracht - Erste Wendelin Schmidt-Dengler Herbstvorlesung" im F.-Hoess-Saal der Österreichischen Botschaft, 01. Oktober 2009

- Wilhelm Pfeistlinger, Direktor des Österreichischen Kulturforums Berlin -

Am 7. September 2008 verstarb Wendelin Schmidt-Dengler. Der Schock sitzt noch immer im Nacken. Ebenso die Trauer im Herzen. Mit dem Tod Wendelin Schmidt-Denglers haben nicht nur die Germanisten, sondern auch deren Arbeitgeber – die Schriftsteller und Dichter -, nicht nur die Literaturkritiker, sondern auch deren Arbeitgeber – die Leser und Theaterbesucher -, nicht nur die akademischen Kollegen und Studenten, sondern auch deren Arbeitgeber – die am Leben des Geistes interessierten Menschen - einen schrecklichen Verlust erlitten. Die Literatur hat einen Wissenschaftler, die Gesellschaft einen Gelehrten, wir alle haben einen Menschen verloren.  

Dennoch ist es wohl im Sinne dessen, um den wir trauern, diese Trauer in fruchtbares Leben umzusetzen. Schmidt-Dengler war ein umtriebiger, ruheloser, suchender Gelehrter, der stets Grenzen überschritt, Brücken schlug und Länder miteinander verband. Er war Österreicher durch und durch, ohne Minder- oder Überwertigkeitskomplexe, und gerade deshalb überall – auch in Deutschland, der Schweiz, aber auch in nicht deutschsprachigen Ländern, wie ich in Italien mehrfach feststellte - hochgeachtet, eingeladen und prämiert und letztlich daher für die gemeinsame deutschsprachige Literaturlandschaft so bedeutend. Er lebte sein Österreicher-Sein mit Selbstverständlichkeit – und das machte wohl einen Teil des  Geheimnisses seiner Außergewöhnlichkeit aus. Diesen Teil ergänzte die Liebe zum Wort, wo immer es auftritt, diesseits, jenseits der Alpen oder am anderen Ende der Welt. Wendelin Schmidt-Dengler war ein wahrer Philologe, der das Wort liebte, weil er es als Strahl der Weisheit geortet hatte. Philologie und Philosophie scheinen für ihn lediglich zwei Ausdrucksformen ein und derselben Haltung gewesen zu sein. War es diese Haltung, die den Mann mit seinem immensen Arbeitspensum im Innersten zusammengehalten haben mag? Wendelin Schmidt-Dengler besaß das Wort der Weisheit, weil er die Weisheit des Wortes erkannte. Der Logosoph und Sophologe folgte einer „philia“, einer Liebe, der nur die tautologische Liebe zur Liebe zugrunde liegen konnte.  

Wendelin Schmidt-Dengler, ein Mit-,Quer-, Vor- und Nachdenker wie ich kaum einen anderen kenne. Er wurde mir in den letzten Jahren, als er oft nach Rom kam, fast so etwas wie ein väterlicher Freund. „Überall wo Sie hingehen, erhalte ich einen Preis“, mailte er mir vor einigen Wochen, als ich ihn von meiner Versetzung nach Berlin informierte, und spielte damit auf den  ihm zuerkannten „Preis der Kritik“ an, der ihm im Oktober bei der Frankfurter Buchmesse 99 Flaschen Weins und eine Heine-Gesamtausgabe eingetragen hätte.  

In den Monaten September und Oktober endet der Sommer mit seiner Muße, kehren die Menschen in ihre Heimaten zurück, nehmen die Schulen ihren Betrieb wieder auf, bereiten sich die Universitäten auf ein neues akademisches Jahr vor. Es beginnt das Ende des Jahres, es neigt sich das Leben, doch es beginnt zu enden um wieder zu beginnen. Es wird Herbst. Am Rande zu dieser Jahreszeit starb Wendelin Schmidt-Dengler. Zufall? Symbol? Jedenfalls Koinzidenz.  

Letztes Update: Donnerstag, 27. Okt. 2011