österreichisches kulturforum Berlin

Mediale Lebens(t)räume! – Droht uns eine digitale Heimat?

Feier zum 20-jährigen Bestehen der Thüringer Landesmedienanstalt in Erfurt, 27. Juni 2011

- Wilhelm Pfeistlinger, Direktor des Österreichischen Kulturforums Berlin -

Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin, sehr geehrte Frau Bürgermeisterin, sehr geehrter Herr Direktor Fasco, lieber Herr Professor Lachmayer, sehr geehrte Damen und Herren,

Dass ich heute hier vor Ihnen stehe und ein paar Worte an Sie richten darf, muss Ihnen wie ein völkerrechtlicher Skandal erscheinen: ein aus Berlin angereister Wiener in offizieller Funktion, der etwas zum 20 jährigen Jubiläum der Thüringer Landesmedienanstalt sagen will, das ist unverkennbar Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Gliedstaates der Bundesrepublik Deutschland. Darauf steht – ungeachtet deutsch-österreichischer Freundschaft – IGH oder EuGH, Internationaler oder Europäischer Gerichtshof. Ehe Sie diese aber bemühen, möchte ich Ihnen die Strategie meiner Verteidigung nicht verhehlen und Sie auf diese Weise hoffentlich vorab von der Möglichkeit überzeugen, Gnade walten zu lassen.

Es gibt Argumente auf meiner Seite, warum diese Österreichtümelei zumindest Gnade finden sollte: erstens verschafft mir Thüringen selbst so etwas wie Deckung, denn Sie waren es, die Sie mit Prof. Herbert Lachmayer einen bedeutenden österreichischen Kulturwissenschaftler und bewährten Ausstellungsprofi zum Kurator dieser Ausstellung erkoren haben. Und, wie das mit bedeutenden Persönlichkeiten halt so ist, es darf die Entourage – auf deutschdeutsch: der Anhang - nicht fehlen. Lachmayer ist allerdings eine Ausnahme, denn er ist ein Teamarbeiter, also fehlt das Team nicht. Die Entouragefunktion fällt mir daher gewissermaßen allein zu, doch was ist einem Direktor eines österreichischen Kulturforums im Ausland angemessener denn als Bestandteil der Entourage der bedeutenden Persönlichkeiten seiner Republik zu fungieren. Zweitens: Das Programm dieses Ausstellungs- und Veranstaltungsevents zählt neben zwei österreichischen Kooperationspartnern mehrere österreichische Förderer und Unterstützer. Ich befinde mich also in guter Gesellschaft. Zudem bilden dieser Abend und diese Ausstellung, wenn ich es richtig verstehe, erst den Beginn einer Zusammenarbeit thüringisch-österreichischen Zuschnitts, die sich in Professor Lachmayer und seinem Team konzentrieren und vor allem auf universitärer Ebene von hier aus in die ganze Welt ausstrahlen soll. Mit dieser feierlichen Eröffnung wird gewissermaßen der Grundstein für die Nachhaltigkeit dieser Kooperation gelegt. Drittens und letztens will ich Ihnen einfach zurückgeben, was ich von einem Thüringer vor einigen Jahren erhalten habe: es handelt sich um einige wenige, aber umso gewichtigere Gedanken, die mir nicht aus dem Sinn gegangen sind und die ich Ihnen heute zurückanvertrauen möchte, zumal, wie ich meine, sie recht gut zum Thema passen.

Von Worten wie „digital“ oder „medial“ hatte dieser Thüringer zwar noch keinen Tau, doch ist ihm dies unmöglich vorzuwerfen: Eckhart von Hochheim, besser bekannt als Meister Eckhart, einer der berühmtesten Söhne Thüringens und Bewohner Erfurts, starb vor bald schon 700 Jahren, in den ersten  Monaten anno domini 1328 nach einem Leben ganz ohne Notebook, iPod  und W-LAN, doch ganz im Monk-Look, ganz bei Gott und voller Elan, ohne Net und Handy und doch total vernetzt mit seinen Hörern, die danach lechzten im Predigt-Chat an seinen Lippen zu hängen und seine farbigen und griffigen JPEG-Metaphern downzuloaden. Und er war ausgestattet mit einem unsichtbaren Direktdraht zu den Gründen und Abgründen des Seins. Unermüdlich auf der Suche nach „Heimat“, nach dem goldenen Klick, der den ewigen Kick auslösen würde, der wiederum – über das aufwärtsgerichtete Kreuz des T - den kruden, umfehdeten, unsicheren, kalten Lebensraum zur Fülle, Zärtlichkeit, Wirklichkeit und Wärme des Lebenstraums zu verwandeln imstande wäre, unermüdlich auf der Suche nach dieser Heimat, die er „Gott“ nannte, formulierte er die folgenden Einsichten. Sie könnten, in ihrer Radikalität und Paradoxie über dem Programm dieser Ausstellungs- und Veranstaltungstage stehen.  Und sie könnten, vorsichtig interpretiert, vielleicht auch zum Verständnis der Arbeit von Herbert Lachmayer beitragen.

Zitat 1: „Dem Menschen soll es nicht genug sein, einen gedachten Gott zu haben, denn wenn der Gedanke an ihn vergeht, dann vergeht auch der Gott.“ – und – Zitat 2: „Nicht dadurch bin ich selig, dass Gott in mir ist und er mir nahe ist und ich ihn habe, sondern dadurch, dass ich erkenne, wie nahe Gott mir ist.“ 

Diese Sätze enthalten das ganze Dilemma des Menschen. Wir müssen die Theologie des Mönchs nicht teilen, setzen Sie für „Gott“ das Wort, das auch im Titel dieser Ausstellung vorkommt: „Heimat“. Und ergänzen Sie „Denken“ um „Bauen“, „Handeln“, sogar „Lieben“. Alles bleibt im Raum des Menschlichen „gedacht“; wir heutigen würden sagen: „virtuell“. Mit dem Denken baut der Mensch die Welt nach, neu, weiter und um, um in ihr heimisch zu werden. Er weiß, dass dies nur möglich ist, wenn er die Nicht-Welt miteinbezieht. Doch dieses Wissen und die Einbeziehung sind wieder nur ein Akt des Denkens.  Der Mensch erreicht die Fülle nur in ihrer Abwesenheit, als Leere, Heimat nur als Sehnsucht in der  Fremde. Das soll dem Menschen, so Eckehart aber „nicht genug sein“. Doch was soll er tun? Gedacht, kognitiv, kann er Gott nicht haben, Ihn wie einen Gedanken fassen, wie ein Objekt erkennen. Wie wäre es mit der Liebe? Erkenntnis ohne Liebe „hat“ Gott nicht, sondern denkt ihn bloß. Doch Liebe ohne Erkenntnis? Nein, so Eckehart, Liebe, die den Geliebten nicht kennt, bleibt dumpf und unbestimmt, „hat“ Gott ebenso wenig, ist nicht wirklich Liebe. Liebe ist höchstes Erkennen. Äußerste Erkenntnis ist Liebe. Der Mensch ist erkenntnisvermählt, zur Erkenntnis verurteilt. So wird er  - dieses ist Eckeharts nichtlösende Lösung, gewissermaßen ein gordisches Verknoten – erkennen ohne zu kennen; erkennen, dass und was er nicht erkennt, und so wird er erkenntnisgetrieben bleiben. Die höchste und beglückendste Aussage wird sein: Ich erkenne, dass Er mir nahe ist. Wer? Er, der Nahe.  Klammern wir die Theologie aus oder vielmehr ein, so heißt das: Alles, was wir tun, ist virtuell, doch wir sind dazu bestimmt Virtualitäten zu finden, zu pflegen, zu erweitern. Wenn wir dies tun, werden wir den großen Zusammenhang – die Buddhisten würden sagen: die große Illusion in allem – erkennen. Doch Illusion ist nur in einigen Sprachen ein rein negativ besetztes Wort; im Spanischen etwa hat es eine positive Konnotation. Verhält sich die Illusion nicht manchmal auch wie die kleine, nicht allzu brave Schwester der Illumination. Das Leben ist ein Traum, der Traum ist Leben, Lebenstraum ist Lebensraum und umgekehrt, wir sind immer nur weniger unwirklich, doch nie wirklich wirklich. Am wirklichsten sind wir in der Erkenntnis der Nähe, das ist der Überschritt der Erkenntnis in die Liebe. Das ist das Ahnen der aus allen virtuellen Welten blühenden anderen Welt, der Realität. Eigenartig, dass im Deutschen Blühen und Drohen äquivalent verwendet werden können, dass etwas droht, indem es blüht. Das Blühende droht und das Drohende blüht. Blüht uns etwa eine digitale Heimat? Die Botschaft des großen Denkers und Dichters Eckehart ist eine immens positive, weil abgeklärte. Ich wage zu behaupten, dass er heute ein Mann des Internet wäre, der die Medien nicht scheuen würde, der versuchen würde, in ihnen und mittels ihrer über den „gedachten“, den virtuellen Gott hinaus, zum abwesenden, aber nahen realen Gott zu gelangen. Und er wäre wohl glücklich, sähe er diese Fülle neuer medialer, digitaler, audio-visueller Annäherungsversuche, würde jedoch gleichzeitig warnen, ihnen Endgültigkeit zuzusprechen. Gültigkeit ja, Endgültigkeit nein oder wenigstens noch nicht.

Ich hoffe, meine sehr geehrten Damen und Herren, sie lassen Gnade vor Völkerrecht ergehen und nehmen das Rückgabeangebot des österreichischen Einmischers an. Vielleicht darf ich bitten: Dem thüringischen Meister und dem österreichischen Kurator und seinem Team zuliebe. Und der Nachhaltigkeit der Zusammenarbeit thüringisch-österreichischen Zuschnitts.

Letztes Update: Donnerstag, 27. Okt. 2011