Philosophie der Landschaft
Ausstellungseröffnung "Philosophie der Landschaft" in der Galerie des Österreichischen Kulturforums Berlin, 24. Mai 2011
- Wilhelm Pfeistlinger, Direktor des Österreichischen Kulturforums Berlin -
Sehr geehrte Damen und Herren,
Gustav Mahler hatte nicht immer Recht. Nicht deshalb, weil er quasi unfehlbar in Musik und Leben gewesen wäre, hat ihn das Österreichische Kulturforum Berlin als Referenzfigur für die Programmaktivitäten 2010 und 2011 gewählt, sondern weil es ihm ums Ganze ging, seiner Aufrichtigkeit, guten Absicht und seiner Hingabe wegen, im Verbund natürlich mit Rahmenbedingungen des „fin de siècle“, von denen heute noch die Österreichische Kultur zehrt. Weil er Kind seiner Zeit und gleichzeitig seiner Zeit voraus war, als Kind jedoch bisweilen unsicher oder verzweifelt selbstsicher.
Einer der berühmtesten Aussprüche Mahlers und mit ihm die Legende, um die er sich rankt, widerspiegeln diese kompensierende Selbstsicherheit und stimmen meiner Meinung nach nicht. Als sein junger Dirigentenkollege und Bewunderer Bruno Walter ihn eines Sommers in seinem Komponierhäuschen am Attersee im Salzkammergut besuchte und die beiden Musiker einen Ausflug in die Berge machten, stellte sich offensichtlich einer jener Momente ein, deren plötzliche, überwältigende Schönheit unvergesslich bleibt in den Herzen derer, die ihrer ansichtig werden. Das Massiv des Höllengebirges erhob sich majestätisch-strahlend vor den Augen der beiden Männer und Mahler soll, so Bruno Walter, gesagt haben: „Sie brauchen gar nicht mehr hinzuschauen. Das habe ich alles bereits wegkomponiert!“
Wie er doch irrte, auch wenn vieles in seinem Werk, insbesondere die 3. Symphonie, auf die er hier anspielte, hör- oder zumindest vorstellbar auf Naturerlebnisse zurückgeführt werden könnte oder sich als musikalische Naturschilderung verstehen ließe. Mahler irrte, denn keine Kunstform kann die anderen ersetzen, jede Kunstform ergänzt die anderen, jede Kunstform ist unendlich, alle zusammen sind sie vielleicht ewig. Und keinesfalls verbietet die tönerne Darstellung das Hinsehen, im Gegenteil: Sie führt zum genaueren Hinsehen. Gustav Mahler hätte sagen sollen: „Schau hin. Das habe ich schon herkomponiert.“
Die Künste sind engstens verflochten. Schon die Sprache widerspiegelt diese Verflochtenheit, womit wir im Bilde wären über sie, schon die Sprache hallt wider von dieser Verflochtenheit, womit wir ein Lied von ihr singen könnten, schon die Sprache gibt ein beredtes Zeugnis von dieser Verflochtenheit, womit wir sie beim Wort nehmen könnten. Wir sprechen von Bildbeschreibung, von hellen und dunklen Stimmen, von bildhafter Sprache, von Klanggemälden, von Farbtönen, etc.. Verflochtenheit bedeutet aber gerade nicht Austauschbarkeit, sondern vielmehr Austauschfähigkeit, Befruchtbarkeit. Die Künste können einander inspirieren, irritieren, informieren – und das sollen sie auch, denn ihr Mit- und Zueinander macht einen Gutteil von dem aus, was wir als Kultur bezeichnen. Programmmusik ist nicht mehr, eher schon weniger Musik als absolute Musik. Nicht aber können sie einander inspizieren, invadieren oder internieren. Die absoluteste Musik kann von tiefsten Gefühlen oder Naturerlebnissen evoziert worden sein, doch bleibt sie stets Musik. Die schönste, naturgetreuste Landschaftsmalerei kann unter laufenden Radiomusiksendereindrücken gelingen, sie macht die musikalischen Entstehungswehen vergessen. Das treffendste Gedicht kann Ausfluss einer ins Visionäre gesteigerten Beobachtung sein – denken wir an Georg Trakls „Grodek“ – es ist treffend, weil es sprachlich „sitzt“.
Ein Kulturforum verdient seinen Namen nicht, wenn es nicht Raum für mehrfache Inspirierbarkeit bietet: die räumlich-geographische zwischen den Kulturen verschiedener Staaten, Kreise, Nationen, Kontinente, Welten; die zeitliche zwischen Avantgarde, Zeitgenossen und Alten Meistern; und schließlich die intrakulturelle, horizontale zwischen Literatur, Bildender Kunst und Musik.
So blieb einem Österreichischen Kulturforum, das seinen Namen sehr wohl verdienen will, kaum etwas anderes über denn ein „Ja“ zu dieser Ausstellung. Adam Jankowski und Robert Lettner schlugen vor, Bilder aus ihrem reichhaltigen Werk auszuwählen und bei uns zu präsentieren, die dem Thema Landschaft zugehören und damit einer starken österreichischen Tradition der Landschaftsmalerei insbesondere in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts folgen (ich nenne pars pro toto Rudolf von Alt), die auch nicht minder berühmte literarische österreichische Entsprechungen kannte (ich nenne wieder pars pro toto Adalbert Stifter). Ein weiteres Auswahlkriterium bestand darin, dass sie sich aufgrund von Themenverwandtschaft gut mit Mahlers musikalisch ermalten Landschaften verbinden lassen sollten, gewissermaßen eine Ex-Post-Verbundenheit mit Mahler erlauben; schließlich sind die Bilder noch dadurch gekennzeichnet, dass sie in engstem Zusammenhang mit dem Denken des Philosophen Burghart Schmidt stehen, und mit dessen großem Essay „Philosophie der Landschaft“ in einem gleichnamigen, wunderschönen Katalog zusammengefasst sind. Der Untertitel dieses Bandes lautet: Zwischen Denken und Bild. Vielleicht können wir heute die Inspirationskette weiterknüpfen und anfügen: „und Wort und Musik“.
Und damit hätte ich Jankowski, Lettner, Schmidt und last, but not least Gustav Mahler hoffentlich nicht weg-, sondern herbeigeredet.
Letztes Update: Donnerstag, 27. Okt. 2011