österreichisches kulturforum Berlin

Stimme für Hugo Wolf

150. Geburtstag der Internationalen Hugo Wolf-Akademie Stuttgart und Verleihung der Hugo-Wolf-Medaille an Christa Ludwig in Stuttgart, 14. März 2010 

- Wilhelm Pfeistlinger, Direktor des Österreichischen Kulturforums Berlin - 

„Hugo Wolf ist der größte Komponist, Brahms ist eine Niete!“. Mit diesem Einleitungssatz haben Sie wohl kaum gerechnet – und er hat auch seine Schwächen, die zugleich aber seine Stärken sind. Erste Schwäche und zugleich Stärke: Der Satz stammt nicht von mir, nicht einmal von einem anderen offiziellen Österreicher, er ist reines Plagiat eines Satzes aus der Feder des austrophob austrophilen und als solcher zum inoffiziellen Österreicher par excellence gewordenen Dichters: Thomas Bernhard. Wir lesen oder hören den Satz in Bernhards vorletztem Theaterstück „Elisabeth II.“. Ein, wie bei Bernhard üblich, lebensverdrossen todesängstlicher, mieselsüchtig liebesbedürftiger, verzweifelt abgeklärter Antiheld, der greise Wiener Großindustrielle Herrenstein, erinnert sich im Anblick seines auf die Wiener Ringstraße hinausweisenden Balkons an seine Kindheit: „Als Kinder  mussten wir vor dem Frühstück auf den Balkon hinausgehen und im Chor sagen: „Hugo Wolf ist der größte Komponist, Brahms ist eine Niete.“ …. „Die ganze Ringstraße wartete schon darauf, dass wir auf dem Balkon unseren Spruch aufsagten / Das war unser eigentliches Morgengebet“.  

„Hugo Wolf ist der größte Komponist, Brahms ist eine Niete.“ Zweite Schwäche und zugleich Stärke dieses Zitats: Der Satz stimmt offensichtlich so nicht. Weder ist Wolf apodiktisch als der größte Komponist zu bezeichnen, noch – und zwar noch viel weniger – war  Brahms eine Niete. Doch wenn der Satz offensichtlich so nicht stimmt, so gibt diese Eindeutigkeit den Weg frei für die Frage, ob er, bzw. die Ahnung, dass er vielleicht irgendwie anders stimmen  könnte. Den Spagat des „Irgendwie anders“ schafft die Übertreibung. Der Satz trotz und auch in seiner Übertreibung stimmt nicht, doch die Übertreibung im Satz hat etwas Stimmiges. Und dieses Stimmige will ins Stimmliche. Dass es sich dabei der Stimme des Thomas Bernhard bedienen durfte, war wohl – für Wolf - ein Glücksfall und – für Brahms - Pech. Ausnahmsweise nicht umgekehrt! Stimmigkeit und Stimmlichkeit. Selbstverständlich war Brahms keine Niete, doch stimmt es, dass die Anerkennung von Hugo Wolfs Gleichwertigkeit leider keine Selbstverständlichkeit war und ist. Hugo Wolf gehört zu den Komponisten, die scheu hinter ihre Musik zurück – oder in sie eintreten, die in ihr verschwinden und sie, mit ihrer Diskretion ansteckend, schließlich mit sich selbst zurückziehen, wenn Ihnen nicht Stimme verliehen wird. Wolf drängt sich nicht auf, ähnelt hierin Musikern wie etwa Bellini, Mussorgsky, Janacek oder Webern, Schriftstellern wie Hermann Broch oder Wilhelm Raabe. Hugo Wolf bedarf der Stimme. Der gestützt stützenden und bisweilen auch gestützt schützenden Stimme. Das galt für sein Erdenleben, es gilt für sein Weiterleben und es dürfte für sein Überleben gelten. Er bedurfte der Freunde und Förderer, wo immer er auch hin kam, oft auch der Fürsprecher - in seinen letzten Jahren leider auch der Beschützer. Er bedurfte der Dichter zur Inspiration seiner Inspiration. Er bedurfte der Sänger, um verständlich und verstanden zu werden.  

Der Genius des Hugo Wolf war jedoch auch stets unübersehbar bzw. unüberhörbar genug, um in den Genuss der Unterstützung zu geraten. Mit besonders klaren Augen und aufmerksamen Ohren haben die Menschen in Südwestdeutschland bis heute diesen Genius erkannt und mit entsprechend offenen Armen empfangen und entsprechend zarten Händen behandelt. Ich denke etwa an den Stuttgarter Rechtsanwalt Hugo Faisst, den großen Kenner und Gönner des Tondichters, oder das Mannheimer Opernpublikum anlässlich der Corregidor-Uraufführung, an Menschen wie Prof. Müller, Prof. Wilhelm, Frau Dr. Cornelia Weidner in unseren Tagen und die anderen Verantwortungsträger und Mitarbeiter der Hugo Wolf Akademie. Sie verleihen von Stuttgart aus Hugo Wolf in unserer Zeit Stimme und leisten einen unersetzlichen Beitrag für die  stimmige Pflege seines Erbes.  Einige Südwestdeutsche – wie Eduard Mörike beispielsweise – hatten sogar schon vorgeleistet. Unbewusst und gewissermaßen gezwungenermaßen vorgeleistet zwar, denn als Mörike starb, zählte Hugo Wolf ganze 15 Jahre. Auf Mörike, auf dessen Gedichte, konnte Wolf sich ohne Wenn und Aber stützen, Mörike hielt ihm sein geschriebenes Wort durch die Zeit entgegen, um es von ihm mithilfe der Stimme der Musik zum Lied verdichten zu lassen. Das Lied, dieses stimmigere Gedicht, bedarf seinerseits der Stimme, des Sängers. Nun, die Kunst des Hugo Wolf ist in all ihrer unprätentiösen, wortgetreuen Sachlichkeit so tief und so stimmig, dass sie immer wieder die besten Sänger herausfordert, die ihr und ihrem Schöpfer im wahrsten Sinne des Wortes Stimme geben: Sänger von Elisabeth Grümmer bis Christine Schäfer, von Fritz Wunderlich bis Christoph Pregardien, von Hermann Prey bis Wolfgang Holzmair, besonders aber die Stimmen von Robert Holl, Dietrich Fischer-Dieskau und Christa Ludwig.  

Hugo Wolf bedarf der Stimme. Und die, die ihm Stimme verleihen, die seine Stimmigkeit stimmhaft machen, verdienen die Stimmen der Anerkennung, der Auszeichnung und des Dankes. Die Verleihung der Hugo Wolf-Medaille an eine der herausragenden Wolf-Stimmgeberinnen, Frau Kammersängerin Christa Ludwig, die Laudatio auf diese Stimme gehalten von einer der wichtigen Künstlerstimmen Österreichs, Michael Heltau, sind alles erweiterte und zugleich konkretisierte Stimmverleihungen an auf Hugo Wolf.
Mir, dem offiziellen Kulturösterreicher in Deutschland, bleiben vor allem die Freude und Ehre einer fundamentalen Dankbarkeit einerseits und einer Stimme konkreter Danksagung andererseits: fundamentale Dankbarkeit dafür, dass ich das Land vertreten darf, dessen historisches Bürgerverzeichnis Musiker wie Hugo Wolf aufweist; die Stimme konkreter Danksagung für die zahlreichen und vielfältigen Stimmen für Hugo Wolf heute morgen. Ich danke vor allem Frau Kammersängerin Christa Ludwig für Ihre jahrzehntelangen, unverwechselbaren Stimmgeschenke an Hugo Wolf und somit an uns und ich danke mit Ihnen allen Hugo Wolf für Hugo Wolf, denn - lassen Sie mich abschließend die Bernhardsche Übertreibung in eine langweiligere, aber doch wohl akzeptablere Formulierung zurückuntertreiben: „Brahms ist sicher keine Niete und Hugo Wolf ist sicherlich ein großer Komponist.“

Letztes Update: Donnerstag, 27. Okt. 2011