Unerschöpfliche Musik. Kurt Schwertsik
Konzert des Koehne Quartetts zum 75. Geburtstag von Kurt Schwertsik im F.-Hoess-Saal der Österreichischen Botschaft, 31. Mai 2010
Sehr geehrter Kurt Schwertsik, sehr geehrte Christa Schwertsik, meine sehr geehrten Damen und Herren!
„Konzert für…“, „Hommage à …“ – ist das nicht Personenkult? Personenkult. Seit Menschengedenken gibt es ihn. Vom Pharao über Lao-Tse und Mao-Tse bis zum Cacau; vom Lenin bis zur Lena, womöglich über die Nena, von Hannibal bis Blaise Pascal, von Louis Armstrong bis Neil Armstrong, von Heinrich Harrer bis Che Guevara, von „La Madonna“ bis zu Maradona, von Sepp über Hermann bis zu Herbertgröne-Meier, von Buddha über Luther bis zur Therese von Kalkutta, vom unbekannten Soldaten zum päpstlichen Hausprälaten, von Karl Kraus zu Johann Strauß und Richard Strauss, vom Wolferl Mozart herzig bis zum Nachfolger Kurt Schwertsik…. Seit Menschengedenken. Die Sprache ist präzise, wiederholen wir diese Worte langsam und Bestandteil für Bestandteil: Seit Menschen gedenken, treiben sie Personenkult, denn Gedenken ereignet sich ausschließlich im Bereich von Personen, im Bereich des Subjektes. Wir gedenken eines Menschen, doch keiner Sache, und eines Ereignisses gedenken wir dann, wenn es auf Subjektivität gründet oder Auswirkungen auf Subjekte hat, doch nicht seiner puren Faktizität (wir gedenken nicht eines Erdbebens, sondern immer der Opfer des Erdbebens, ob Tier oder Mensch). Der Terminus „Seit Menschengedenken“ bedeutet ferner genauso den Zeitpunkt, über den hinaus bzw. hinter den zurück der Mensch als denkendes Wesen nicht mehr gedacht werden kann. Mit anderen Worten: Denken ist immer schon Gedenken. Auch das empirischste, rationalste, objektiv-wissenschaftlichste Denken. Gedenken steht am Anfang allen Denkens, weshalb der Mensch die Sphäre des Gedenkens, Personalität und Subjektivität, auch ins Göttliche hinein oder aus dem Göttlichen heraus trägt: Mohammed, der Prophet, der heilige Geist, der Paraklet und ganz besonders die Trinität. Das Unermessliche bedarf der Mäßigung, das Unendliche der Bündelung, die Fülle des Seins der Person, um erlebbar, ansichtig, hörbar zu werden. Vielleicht verhält es sich auch umgekehrt: Die Person ist erst dann Person, wenn die Fülle des Seins durch sie hindurchtönt.
Personenkult. In dem „Wie“, da liegt der ganze Unterschied. Wenn wir eine Verhaltensweise kultivieren, die den Kult weder gegenüber einem Individuum – einem ungeteilten und unteilbaren Concretum – noch um einen Götzen – einer verfestigten Verzerrung - sondern in Personen pflegt, wird er als Personenkult gelingen, denn dann wird das kultisch Verehrte, das Göttliche, die Fülle, „per- sonare“, hindurchtönen. Personenkult kann nur als Hinweisschild gelingen, doch das Gelingen des Sich-Zeigens bedarf des Schildes.
Die Person Kurt Schwertsik ist für mich so ein Schild. Worauf weist Kurt Schwertsik hin? Wessen oder welches Hindurchtönen ist er? Der Versuch meiner Antwort und mithin einer Rechtfertigung der heutigen Veranstaltung: durch Kurt Schwertsik tönt die Unerschöpflichkeit der Musik.
Kurt Schwertsik wurde am 25. Juni 1935 in Wien geboren, am Rande der Generalprobe der Apokalypse, deren Vorhang vier Jahre später aufging, um erst nach weiteren 6 Jahren in einen Kanon von Lethargien und Utopien zu münden, der die Premiere vorerst mithilfe des Eisernen Vorhangs zu suspendieren half. Doch nicht allein Europas Häuser, Straßen, Plätze, Wälder, Fluren und Täler waren ausgebombt, verwüstet und am Ende; auch die Herzen und die Künste kreisten in einer endzeitlichen Sackgasse. Nehmen wir die Musik: Am Tag vor Schwertsiks Geburt wurde in Dresden Richard Strauss‘ „Frau ohne Schatten“ uraufgeführt, einer der letzten Hoffungshascher nach stilistischer Kontinuität bei gleichzeitiger Innovation, einer der am meisten verzweifelten, aber umso gründlicheren Versuche, mit den Mitteln der Spätromantik und dem Hauch einer außertonalen Brise im Verein mit Hofmannsthals akrobatischer Allegorik einen neuen Mythos zu schaffen, auf der philosophischen Basis jedoch hergebrachter mythologischer Ansätze und mythischer Ausdrucksformen. Neu zubereiteter, doch nicht wirklich neuer Wein in alte, geflickte Schläuche. Zur selben Zeit, als der kleine Kurt Schwertsik das Licht – oder vielmehr die Finsternis – der Welt zu erblicken sich anschickte, arbeitete der Grenzüberschreiter Arnold Schönberg an seinem Mythosprojekt, das er zwei Jahre danach fertigstellen sollte: Moses und Aron. Alter Wein in neue Schläuche. Auch das kein Ende des Endes.
Nach dem zumindest vorläufigen politischen Ende Europas, waren wenigstens die Rahmenbedingungen gegeben, neuen Wein anzubauen und neue Schläuche auszuprobieren. Und der jugendliche Kurt Schwertsik fasste, wie einige andere Gleichgesinnte auch – Friedrich Cerha, Otto Zykan seien hier genannt – Mut und ging auf die Suche. Auf die Suche nach der Neuen Musik, denn was verloren war, sollte wohl verloren bleiben. Jetzt kam erst mal das Neue an die Reihe. „Die Reihe“ Schwertsiks und seiner Komponistenfreunde Bezeichnung des von ihnen gegründeten Ensembles. Nach der „Reihe“ kam Darmstadt an die Reihe und dann Köln, mit anderen Worten Karlheinz Stockhausen. Irgendwann in dieser Zeit reifte die Persönlichkeit Kurt Schwertsiks wohl zur Person, denn irgendwann muss er gefühlt haben: das Auf-der–Stelle-Treten, die Erschöpfung der klassischen, sogenannten abendländischen Musik dürfte nicht bloß einer empirisch-historischen Ausreizung entsprechen, sondern in einer strukturell unvermeidlichen Beschaffenheit jeder musikalischen Sprache gründen: in deren zeitlichen und räumlichen Begrenztheit, deren Erschöpfbarkeit. Eine Erschöpfbarkeit aber, die eine Chance und kein Problem, keine Schwäche darstellt, die Chance, sich in diesem Bewusstsein der Erschöpfbarkeit der musikalischen Sprache der Unerschöpflichkeit der Musik selbst anzuvertrauen. Kein System, weder eines der althergebrachten noch eines der neuausgedachten, konnte die Musik auf andere Beine stellen. Und die hatte das auch nicht not. Systematisch knöpfte sich Kurt Schwertsik die Systeme vor, systematisch enthüllte er alles Systemische als des ganzen Systems Gefährdung, als end-zeitlich, weil früh-, recht- oder un-zeitig, kurz: die Endzeitlichkeit ist nur ein anderes Wort für Endlichkeit und Zeitlichkeit; die Systeme kamen an die Reihe. Es dürfte – ich kann es mir nur vorstellen, doch ich gestatte mir diese Vorstellung - , es dürfte eine Art schwarzes postmodernes Loch gewesen sein, in das gefallen der Künstler sich fühlen musste. Was aber tut man in einem schwarzen, noch dazu postmodernen Loch? In dieser Reihe der Systeme. Man fällt in der Reihe oder man fällt aus der Reihe. Entweder man stirbt oder man singt und schreit und ruft und jammert und fleht und bittet, um zu überleben. Ganz gleichgültig, ob modern, eklektisch, postmodern, ob seriell, bi-, a-, oder schlichtweg tonal, ob dodeo- oder kakophonisch. Jede dieser Lebensäußerungen kann in einer Situation wie dieser aber nur mehr aus dem inneren Licht genommen werden, das einst in vielfältiger Form ins Herz gestrahlt wurde und es erwärmt hat. Die Suche nach der neuen Musik schließt wohl ein und setzt wohl voraus die Suche nach der verlorenen Musik und diese schließt wohl ein und setzt wohl voraus das Spiel und den Gesang der einst gefundenen Musik, und sei es in deren letzten Resten. Ohne diesen Gesang aus dem Inneren, aus dem Innersten, dem Herzen, wo Mensch und Musik einander berühren, wird das Loch zum Grab. Mit ihm könnte es jedoch zur lockenden Öffnung für neue Lichtquellen werden.
Kurt Schwertsik hält bis heute, knapp vor Vollendung eines Dreivierteljahrhunderts Leben, aus in der Buntheit seiner musikalischen Ansätze, Ausdrucksweisen und Referenzen, er wird von Werk zu Werk mehr zum „Per-Sonans“, zum Hindurchtönenden, das beides gleichzeitig, ja in einem und einander bedingend verkündet: die Erschöpfung und die Unerschöpflichkeit der Musik, die Endgültigkeit und die Beliebigkeit der Stile sowie die Anfangsewigkeit und Herzensverbindlichkeit des Stils. Kurt Schwertsik ist einer der wenigen zeitgenössischen Komponisten, die ihren Stil gefunden haben. Oder sagen wir besser, die Stil haben; die sich zur Person durchtönen lassen, hingegeben bis zur Unverkennbarkeit ihrer Unkenntlichkeit, aus der höchste Erkenntnis erblüht: das Tönen aus dem Herzen, in dem Mensch und Musik einander berühren. Und das sollten wir nicht kultivieren?
Letztes Update: Donnerstag, 27. Okt. 2011