österreichisches kulturforum Berlin

Wien, Küss die Hand, Moderne

Lesung "Wien, Küsss die Hand, Moderne" in der Österreichischen Botschaft Berlin, 13. September 2011
- Wilhelm Pfeistlinger, Direktor des Österreichischen Kulturforums Berlin -


Sehr geehrte Damen und Herren,

„Es lebe der Zentralfriedhof!“ Das akademische Jahr bzw. - wie es im Theaterjargon heißt - die neue Spielzeit nach der Sommerpause mit dem Tod zu beginnen, ist – ja, was?: seltsam, unerwartet, gewagt, verrückt, krass, cool, supercool,  – gewiss, das alles ist es, ist es aber auch falsch? Ist es falsch? Wenn falsch das Gegenteil von angebracht, strategisch klug bedeuten soll, dann mag es auch noch falsch sein, wenn wir falsch aber  im Gegensatz zu wahr, zu richtig verstehen? Was dann? Ist nicht, ganz im Gegenteil, das Falsche der Taktik ein Indiz für die Wahrheit in der Sache? Warum sonst zwischen Sache und Taktik, Inhalt und Strategie überhaupt unterscheiden? Falsches verdient doch keine Taktik der Vermittlung. Nun: Ist es also falsch oder richtig im Sinne von unwahr oder wahr, mit dem Tod zu beginnen?

Glauben Sie ja nicht, dass ich jetzt „Ja“ sagen werde. Oder „Nein“. Nein, nein! Auch nicht „Jein“. Ich  weiche aus bzw. leite um und stelle nur fest, dass wir nicht einfachhin mit dem Tod begonnen haben, sondern mit den Worten: Es lebe! Zweifelsohne hat das, was wir da leben lassen, mit dem Tod zu tun. Es lebe der Zentralfriedhof!  Das ist nicht einfachhin der Tod, das ist der Tod in Wien. Wir haben mit Wien begonnen.

In Wien wird der Friedhof zentral genannt, und dort ist er es auch. Dort, wo begonnen wird mit dem Ende und das Ende das Zentrum ist, aber das Zentrum immerhin eines Friedens, der leben soll. Wien ist eine Zumutung, ein Dilemma, eine Ungeheuerlichkeit, Wien ist die Ungeheuerlichkeit der Zumutung des Dilemmas schlechthin, des Dilemmas, dass der Tod mit dem Leben beginnt, ich aber gleichzeitig für mich das Leben mit dem Tod beginnen lassen darf; dass alles wahrlich mit dem Tod beginnt, aber doch auch alles mit dem Tod wahrlich beginnen möge. Das ist Wien: der Indikativ der Morbidität, aber auch ein Konjunktiv der Hoffnung, eine Sehnsucht. Eine Klage. Ein Flehen. Im Grunde ist Wien ein Einspruch; ein Einspruch gegen das Leben zugunsten des Lebens, zugunsten des Todes gegen den Tod. Ein Einspruch letztlich des Überlebens.  Die Geschichte Wiens, die Mentalität der Wiener, das Antlitz der Stadt lassen keinen Zweifel:  Wien ist stadtgewordenes Überleben; zig Pestepidemien, die Belagerungen zweier osmanischer Heere, die Einmärsche Napoleons und Hitlers, der Verlust der Hauptstadtfunktion für ein Kaiserreich nach dem ersten, Zerstörung, Marginalisierung und Bevölkerungsschwund nach dem zweiten Weltkrieg – Wien hat das alles und noch mehr überlebt.

Überleben bedeutet für gewöhnlich Weiterleben nach einer Bedrohung, Überleben ist ein zeitliches Phänomen. Doch legt die Sprache mit ihren verräterischen Präfixen ein zweites, ein räumlich-qualitatives Über-Leben nahe. Etwas, das über dem Leben steht, an einem Topos, einem geistigen Ort. Wenn das Leben nämlich mit dem Tod endet, wie kann dann Weiterleben möglich sein, wenn nicht durch etwas im Leben, das aber von außerhalb des Lebens herrührt. Dieses Außerhalb ist gezwungenermaßen auf einer höheren Seinsstufe anzusiedeln, ist ein Oberhalb, ein Über-Leben. Das Verhältnis des Über-Lebens zum Leben ist das der ununterschiedenen Unterschiedenheit. Allein das Über-Leben kann sich auf das ganze Leben, zu dem der Tod gehört, einlassen. Überleben ist nur möglich, weil das Über-Leben das Leben durchlebt, das Leben bis in, hinter oder unter den Tod aus-gelebt hat. Der Tod beendet das Leben und das Über-Leben beseitigt ihn nicht, sondern verwandelt ihn und das sterbliche Leben in sich. Überleben im Über-Leben.
Je mehr Tod, desto schwieriger, aber auch desto mehr Überleben. Je morbider, trister, angewiderter und anwidernder dieses Wien, desto lebensschwülstiger, himmelsherziger, berauschter und berauschender; vom Stephansdom, diesem Steinhaus aus Gott und den fratzenhaften Teufelssalamandern aus gotischer Gläubigkeit an seinen Mauern, über die prachtversessene religiöse Kupferfeistigkeit der Karlskirche mitsamt ihren barocken Stuckengerln, die irgendwann, nachdem sie mit ihren putzig verlächelten Pausbäckchen den göttlichen Stein zum Himmelvater erweicht hatten, schließlich zu den farbtollen hundertwässrigen Spritzern des u.a. die Spittelauer Müllverbrennungsanlage zierenden phantastischen Realismus zerplatzt sein dürften, bis hin zur göttlichen Restitution des ins Ottakringer Beiselexil emigrierten Hergott aus Stein so furchtbar allein, dieses Platzhalters einer unverkennbar eigenen negativen Theologie aus schwermütiger Walzerseligkeit vermischt mit lustvoll-masochistischem Heurigengeraunze, sich vollendend im Steinhofgelalle, das aus dem Nicht-Richard- nein, aus dem Otto Wagner-Heiligtum von der Baumgartner Höhe herab den Kasperl urbi et orbi verkündet, ja weiter noch bis in die schmuck- gott- und adolflo(o)se Mystik der neusachlichen Nüchternheit - dieses morbide Wien war, ist und wird immer sein: voll von Himmel, von Sehnen und Wähnen, von Vergessen und Erinnern, von Verdrängen und Vertrösten. Nur aus dem Bund der Hoffnung mit dem Über-Leben lässt sich der luftige, ästhetisch-ironische  Charakter deuten, den diese Stadt auch aufweist.
Das Buch des Corso Verlages legt vom Wien des Überlebens auf beeindruckende Weise Zeugnis ab, von seiner Morbidität wie auch von der ironisierenden Ästhetik dieses Überlebens, besagt doch bereits sein Titel, dass Wien auch das Überleben des vermeintlich ausgestorbenen traditionellen Handkusses an die gerade ins Leben tretende neue Frau garantiert, eine Frau namens Modernitas.  Wien, küss die Hand, Moderne! Ich danke den Autoren, dem Verleger, den zum heutigen Abend beitragenden Künstlern für Ihren Einsatz für das Überleben, für Wien, möchte aber noch einen ganz besonderen, vielleicht unerwarteten Dank vorschalten. Den Dank an WSD, Wendelin Schmidt-Dengler.

WSD hat nichts und doch ungemein viel mit dem heutigen Abend und dem präsentierten Buch zu tun. WSD sollte jeden Herbst für einen Abend in diesem Raum eine Vorlesung zum Thema: „Zur Sprache gebracht“ gewidmet sein. Zweimal ist dies mit Ferdinand Schmatz und Josef Winkler, assistiert von Sigrid Löffler, Thomas Macho u.a. gelungen, diesen Herbst ist es mir, attackiert von Budget-, Zeit- und Energiemangel misslungen. So darf ich ihm wenigstens diesen Abend widmen.  Warum? WSD war, kurz erklärt, einer der wenigen Intellektuellen der Nachkriegszeit in Wien, ein genialer Philologe, Germanist und Literat – mehr als einmal Stargast im „Literarischen Quartett“ -, ein unstillbarer Zitationsakrobat vor dem Herrn, ein sorgsamer Lehrer, ein unbestechlicher Forscher und ein großer Liebender. Ein Liebender der Bücher, der Menschen, besser: des Wortes und des Lebens. Mir wurde er unvergesslich und unheimlich, als er während einer Vorlesung zu Aristophanes‘ „Die Wolken“ einer störend-schwatzenden Studentengruppe auf eine Art Einhalt gebot, die ich nie vergessen werde. Er beschämte und entwaffnete mit Terenz, den er – im originalen Latein natürlich -  schlicht und einfach in Richtung Schwatzmäuler aus dem Zitierärmel schüttelte: „Homo sum, nil humanum alienum me puto“ (Mensch bin ich, nichts Menschliches dünkt mir fremd)! Als ich ihn dann das erste Mal persönlich zu treffen das Glück hatte, im Café Weimar, ganz nahe bei der Wiener Volksoper, und er trotz gravierenden Zeitmangels mir bis in kleinste Details ein „Canetti-Symposium“ zusammenzustellen half, war meine Bewunderung zu Vertrauen dahingeschmolzen. Die Momente des Kaffeehäferlaustrinkens, die Pausen zwischen den einzelnen letzten Schlucken m.a.W., füllte er mit einem Bericht über eine neue, sehr interessante und ihm am Herzen liegende Autorin, deren ersten Roman zu rezensieren er nunmehr rasch heimfahren müsse, sie habe es sich verdient, der Titel des Romans: „Vienna“, die junge Dame Eva Menasse. Und WSD verschwand. Gott sei gedankt, tauchte er noch mehrfach in meinem Leben auf und wir konnten einige Projekte zusammen verwirklichen.

In WSD gelang Wien, in seinem Leben, einem Sterben, seinem Überleben. Ganz plötzlich, herausgerissen, viel zu jung, vor der Fertigstellung großer letzter Aufgaben starb er am 7. September 2008.  Doch er überlebt in unseren Herzen, in der Unvergesslichkeit unseres Erinnerns, ihm widerfährt das Überleben nach dem Leben, denn ihm gelang bereits das Über-Leben im Leben, obwohl, nein weil es ihm gelang aus vollem Herzen zu sagen: „Nil humanum alienum me puto“. Danke WSD! Homo eras, homo es. Danke für immer! Und für heute Abend: Danke dem Corso-Verlag und seinem Chef Rainer Groothuis. Danke Joachim Otte, dem Moderator. Danke Eva Menasse und Thomas Kapielski für ihren Beitrag und die Lesung. Danke Martha Pfaffeneder und Jens Stoll für die Musik. Danke Dr. Bertram Nickolay für die Initiierung dieses Projekts. Danke Ihnen allen für Ihr Kommen. Danke aber vor allem Wien. Danke.

Letztes Update: Mittwoch, 04. Apr. 2012