österreichisches kulturforum Berlin

Wittgenstein. Ein Bilderstreit

„Der Satz – ein Wortgemälde? Bild und Text bei Ludwig Wittgenstein“ - Podiumsdiskussion mit den Professoren Thomas Macho und Matthias Kross im F.-Hoess-Saal der Österreichischen Botschaft, 08. Juni 2011

- Wilhelm Pfeistlinger, Direktor des Österreichischen Kulturforums Berlin -

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Prof. Macho, sehr geehrter Herr Prof. Kross,

„Mit Wittgenstein wird das sicher nicht schwierig sein, so eine kurze Einführung in den Abend zusammenzubasteln“, dachte ich seit dem Moment, als das Kulturforum mit dem Schwulen Museum diese erquickliche Kooperation eingegangen war und wir diese Veranstaltung angesetzt hatten, „den kennst du, den magst du und der lässt sich leicht zitieren; das Sprechen und das Schweigen und die Welt und der Fall und das Mystische und die Sprachspiele usw..“ Mit dieser Zuversicht trat ich daher gestern morgen an die Wittgensteinreihe meiner kleinen Hausbibliothek. Ich zog zuerst den Tractatus hervor und begann darin herumzulesen. Vorne und hinten wurde es mir zu bekannt und in der Mitte stieg ich wieder mal aus. Daher griff ich zum nächsten Band - „Über Gewissheit“ - und merkte nach einem Satz, dass es zu früh am Tag und vielleicht zu früh in meinem Leben für dieses Buch war. Der nächste Griff bescherte mir eine Ausgabe der Tagebücher, „Denkbewegungen“ betitelt. Ich wollte das Buch schon aufschlagen, um neuerlich mein Glück zu versuchen und ein nettes Eingangszitat zu finden, doch hielt mich mein Blick davon ab, denn er blieb am Foto auf dem Buchdeckel kleben. Da war der markante Denkerkopf mit der Philosophenmähne und seiner erotische Askese ausstrahlenden knochigen Aura abgebildet und sah zur Seite, unverschämt am Betrachter vorbei, als implizierte der Titel „Denkbewegungen“ die Notwendigkeit einer Wegbewegung. Ich musste mir gestehen, ich fand das doch ein wenig arrogant und nicht fair von meinem Landsmann mir Leser gegenüber, der ich noch dazu am nächsten Abend an seinem Image arbeiten und ihm Reverenz erweisen würde. Und nicht nur mir, auch ihm musste ich das gestehen.

„Würdest Du dich bitte zu mir drehen und mich anschauen, wenn du mit mir schweigst!“, maulte ich. Keine Reaktion. „Jetzt schau doch her, ich rede mit dir!“. Unmystisches, plattes Schweigen. “He, du, wenigstens im  Bild kannst du wohl mit mir reden, oder?!“. Und da, mit einem Mal - der Kopf im Foto machte eine Rechtsbewegung um ein paar Grad, gerade so viele als nötig waren, dass er mir in die Augen schauen konnte, und es offenbarte sich in unverkennbarem Wiener Heimatidiom der Philosoph: „Bild dir ja nicht ein, ich sei nicht im Bilde. Ich bin ganz genau im Bilde. Ihr wollt morgen abend das Bild von meinem  Bild vom Bild zu einer Veranstaltung machen. Was bildet ihr euch da überhaupt ein?!“

„Ja gewiss“, antwortete ich erst ein wenig stotternd und verdattert, dann jedoch mehr und mehr mutig und beherzt; „Wir wollen zur Fortbildung des Wittgenstein-Bildes in deiner posthumen Rezeptionsgeschichte beitragen und da bildete sich heraus, dass wir das am besten in der Beschäftigung mit deinem Bild vom Bild zustande bringen könnten.  Es wurde bereits Großartiges in einer Ausstellung zu Deinen Ehren geleistet: „Verortungen eines Genies“.  Es gibt keinen Grund, warum uns das nicht auch heute abend gelingen sollte, mit zwei so gebildeten und so gut ausgebildeten Kollegen von Dir wie den Professoren Kross und Macho.“

„Ach was, Ausbildung und Bildung. Ich konnte mir jetzt über 50 Jahre ein Bild von den Bildern von meinem Bild vom Bild machen und die sind allesamt -  und ich sage das überhaupt nicht bildhaft- mächtig verbildet, ungebildet und bestenfalls in gleichem Maße eingebildet. Das bildhafte Denken ist zur Bildhaft des Denkens geworden und ich bin mitten im Bild drin. Alles nur mehr Bilderbücher. Das ging einmal sogar so weit, dass ich mitten auf der Vorderseite der „Bild“  abgebildet war, mit meinem Bild, nicht nur in der österreichischen Nachrichtensendung „Zeit im Bild“, nein selbst in der deutschen Bild-Zeitung. Ist das euer Bild von meinem Bild in der Welt? Die Bild-Zeitung?“.

Der Philosoph steigerte sich bereits ins Lauthalse, ich blieb ausnahmsweise cool und fragte provokant, wenngleich natürlich nur rhetorisch um nicht zu sagen bildlich: „Bildest du dir ein, lieber Ludwig, des Bildes von deinem Bild vom Bild wegen solle ein Bildersturm vorgenommen werden?“

„Das ist  wohl das mindeste“, „ich verlange ein Bilderverbot“, begann der Verfasser des Schweigegebots bei Unaussprechlichkeit die Contenance zu verlieren und schrie: „Wie ist es wohl um deine Bildung bestellt, dass du nicht weißt, was geschrieben steht: Du sollst dir vom Herrn, deinem Gott kein Bild machen!“ „Ja und ?“ Was und? „Ach, behauptest du jetzt gar, Du seist der Herr, mein G…? Oder kommst du mir einfach mit deinem biblischen Gottesbild daher ? Aber da müsste das eine Zitat mit jenem anderen in Einklang stehen, Du weißt schon, Zitat 2: ‚Nach Seinem  Bilde schuf er sie – die Menschen‘. Wenn du in dieser Bildwelt lebst, könnte das heißen, bitte korrigiere mich, dass du es ablehnst ein Bild vom Menschen zu machen, da er eben Abbild Gottes ist und ein Bild von Gott zu machen derselbe Gott, das Urbild, verboten hat. Müsste es aber nicht auch heißen, sich unbedingt ein Bild zu machen, hat man doch als Abbild dem Urbild zu entsprechen und gehört es doch zu den größten Taten des Urbildes Abbilder seiner selbst gemacht zu haben. Um Gottes willen, wenn du, was ich bei deinem Hirnschmalz annehme, dieser Logik zustimmst und du daher das Bilderverbot nicht aus dem Bild von der göttlichen Würde des Abbildes herleitest, weil es dir dein Denken verbietet, dann berufst du dich am Ende tatsächlich nur auf Zitat 1 und meinst, du seist Er? Damit zerstörst du jetzt aber mein ganzes schönes Bild von dir und vom Bild von deinem Bild vom Bild, wie wir es morgen abend wiederherstellen wollten. Oder….

Mittlerweile selbst in Rage gekommen, konnte ich den Gedanken nicht zu Ende denken geschweige denn formulieren, denn der Mann im Bild wurde zur Furie: „Was bildest du dir ein, du, du, du Abziehbild , geh mir aus dem Bild!“
„Selber Abziehbild“, schickte ich mich an triumphierend zu replizieren und den Philosophen mit seinen eigenen Worten zu schlagen, „selber Abziehbild, du Foto du, geh doch du aus dem Bild!“

Weiter kam ich nicht, denn plötzlich hatte ich gar nichts Wittgensteinhaftes mehr im Bilde, sondern nur mehr den Sommermorgensonnenschein im Auge. Ich räkelte meinen Blick aus dem Erwachen auf meinen Schoß. Dort lagen die „Denkbewegungen“, geschlossen, mit des Philosophen zur Seite blickendem Konterfei auf dem Deckel. Daneben, aufgeschlagen, der Tractatus-logico-philosophicus. Ich senkte meinen Blick weiter auf die geöffnete Seite und las nicht zum ersten Mal, doch als wärs zum ersten Mal: 6.522 – Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“ Und Wittgenstein und ich gingen versöhnt in den Tag.   

Letztes Update: Donnerstag, 27. Okt. 2011