österreichisches kulturforum Berlin

Werte Leserin, werter Leser!

Der Pavillon aus Porzellan könnte ebenso gut auf dem Deckblatt dieser 37. Ausgabe des Kosmos Österreich stehen. Dass unser Heftchen nun den Titel Von der Jugend trägt, ist Gustav Mahler zu verdanken, der den Titel des dritten Liedes in seinem Lied von der Erde nachträglich änderte. Wie Christian Glanz in seinem Essay über dieses Lied bemerkt, ist im gesamten Text keinerlei explizite Erwähnung von Jugend oder Jugendlichkeit auszumachen. Allerdings erschaffen der Text und die kongeniale Musik ein Flair der Jugendlichkeit, das weit über etwaige Ergebnisse einer Reflexion über das Thema Jugend hinausgeht. Jugend ist primär kein Thema, Jugend ist eine Seins- und Selbstdarstellungsweise. Jugend erklärt sich am besten metaphorisch, denn Jugend konzentriert sich auf Sein und Leben, auf Identifizierung mehr denn auf Differenzierung. Sie beäugt sich nicht, sondern blickt hinaus. Sie lässt sich zwar anfassen, aber kaum erfassen, be- und umschreiben, aber kaum festschreiben. So beschreibt und besingt Mahler in seinem Lied Von der Jugend den „Pavillon aus grünem und aus weißem Porzellan“, die „Freunde, schön gekleidet“, deren „Trinken, Plaudern“ – und singt von der Jugend.

Allerdings: Lässt sich ein treffenderes und reizvolleres Bild für das Phänomen „Jugend“ finden als „Pavillon aus Porzellan“? Die ganze Umfassungskraft und Flexibilität der Jugend liegt in der Multifunktionalität eines Pavillons, dieses Verbindungsraums von Mensch zu Natur, von Innenwelt zu Umwelt, der aus dem Wohlgefühl der kindlichen Geborgenheit in die Härte des zu Eigenverantwortung erwachsenen Daseins überleitet, offen, verschlossenes Nest der Liebe, Asyl der Abscheidung und der Selbstfindung, aber auch Treffpunkt für Feier und Austausch zu werden. Dieser Pavillon ist nun nicht aus Stein oder Holz wie Häuser für gewöhnlich, nicht einmal aus Stroh, sondern aus Porzellan. Verfügen wir über eine ansprechendere Metapher für die Kostbarkeit, die Zer04 | 05 brechlichkeit des Gefäßes „Jugend“? Metaphorische Rede ist nicht minder aussagekräftig als direkte Aussage, das Denken steht nicht über dem Dichten. Junge Menschen denken über alles nach, auch über sich selbst, aber kaum über die Jugend. Die Jugend sind sie und dichten sie nach. Wenn sie über sie nachdenken, dann haben sie ihr erstes graues Haar entdeckt.

Wir sollten zwar die grauen Haare nicht fürchten, sie aber auch nicht unbedingt züchten. Aus diesem Grund wird in den Beiträgen dieses Heftchens nicht so sehr die Jugend zum Thema zu machen versucht, sondern entweder Thematisierungen des Themas zum Thema oder sogar das Thema zur Jugend. Der Wiener Musikologe und Mahler-Experte Christian Glanz führt in den möglichen „Jugendstil“ des Mahlerschen Lieds von der Jugend ein, der Beitrag der Jugendkulturforscherin Beate Grossegger durchleuchtet das Spannungsverhältnis von Jugend und Kunst, ein Interview mit der jungen, vor kurzem nach Berlin verzogenen Künstlerin Judith Fegerl dokumentiert die Leuchtkraft dieses Spannungsverhältnisses, Auszüge aus einem Sammelsurium von Definitionen aus muttersprachlich nicht-deutschem Kindermund im Stern über Mitteleuropa bereiten großes Verjüngungsvergnügen.

Ähnliches Verjüngungsvergnügen beabsichtigen wir mit unserem Programm. Die in dieser Ausgabe abgebildeten Fotos der 1979 verstorbenen österreichisch-britischen Fotografin Gerti Deutsch werden den Ausstellungsreigen des kommenden Frühjahrs eröffnen, der zuerst im Februar von Christa Biedermanns Landparthie, einem photographisch-komparatistischen Ausflug in das Einst und Jetzt ihrer niederösterreichischen Heimat, und danach im März von den malerischen Mahler-Assoziationen der Nitsch-Schülerin und Vollblutmalerin Jenny Feldmann fortgeführt werden wird. Die Kinder- und Jugendlichenfotos von Gerti Deutsch sind einerseits die reinste Verjüngungskur und lenken andererseits den Blick auf die Gefährdungen Schändungen und Zerschlagungen, denen die Jugend im Europa des vergangenen Jahrhunderts unterworfen wurde. Die Wiederzusammensetzung dieser Scherben des Porzellans „Jugend“, die nur ein Kittgemisch aus Verge© Gerti Deutsch 06 | 07 bung, Nicht-Vergessen, Sublimation und Verarbeitung durch Kunst und nicht zuletzt Zeitverstreichen zu leisten imstande ist, erfordern und bewirken zugleich eine Form später Verjüngung, durch Abgeklärtheit wiedergewonnener Jugendlichkeit, die nichts mit Lebensjahren, dafür aber alles mit Erinnerung und Hoffnung zu tun hat. Mehrere Projekte, vor allem auch im Musikbereich, sind dieser Form erinnernder Verjüngung gewidmet: am Vorabend des Gedenktags der Befreiung des KZs-Auschwitz ein Konzert der Gruppe Nifty‘s, die Klezmer-Musik fortschreibt und erneuert, ein Konzert mit den Spitzensolisten Ralph Manno, Gottlieb Wallisch und Erik Schumann und in einem gewissen Sinn auch die drei „Hommage-Veranstaltungen“ für H.C. Artmann, Walter Jurmann und Ernst Jandl sind in diesem Zusammenhang Erinnern-Verjüngen zu nennen, der bis in die Gegenwart reicht und in die Zukunft reichen wird, wie das Programm eines Konzerts der Camerata Europea ebenso zeigt wie die fortwährende Beschäftigung mit dem zeitlosen Liedwerks Gustav Mahlers. Wahre Meistersänger wie Stephan Genz und Anke Vondung, der prachtvolle Bariton des Österreichers Erwin Belakowitsch, und die vielversprechende Berliner Musical-Interpretin Karin Helbing werden zweifelsohne unseren konzeptuellen Überlegungen Stimme verleihen und für Stimmung sorgen; Stimme und Stimmung, beides Symbole für Jugend, Kraft und Lebendigkeit, würden aber zu irrationalem Wirrwarr und sentimentalem Gebräu, inspirierte sie nicht der Anfang und exponierte sie nicht die Vollendung der Liebe zur Weisheit, der Philosophie. Daran wird die erste Veranstaltung des Jahres 2011 erinnern und auf diese Weise wird sie im noch jungen Jahr auch uns verjüngen: ein Philosophischer Salon zu Anselm Kiefer mit dessen langjährigem Interviewpartner, dem Theaterwissenschaftler und Publizisten Klaus Dermutz, der im Gespräch mit Thomas Macho der wegweisenden Jugendlichkeit eines der großen, „Klassiker der Moderne“ nachspürt.

In der Hoffnung, dass die Liebe zur Weisheit Sie in Scharen zu uns ins Haus strömen lässt, wo Verjüngen und Erinnern auf Sie warten, freuen wir uns auf jede Wieder- oder Neubegegnung.

Wilhelm Pfeistlinger