Von der Jugend – musikalischer Jugendstil?
Christian Glanz
Das Lied von der Erde kann man aus zumindest zwei unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Versteht man es nicht primär als Liederzyklus, sondern als Fortsetzung der Symphonie mit anderen Mitteln, dann sind unter anderem Fragen der auf die symphonische Tradition bezogenen Satztypik von großem Interesse. Es wird dabei kaum überraschen, das zweite Lied, Der Einsame im Herbst, als langsamen Satz zu identifizieren. Auch das erste und sechste Lied sind (schon allein aufgrund ihrer Ausmaße) ohne wirkliche Schwierigkeiten mit der symphonischen Rahmensatztradition in Verbindung zu bringen. Auf das zweite Lied, den „langsamen Satz“, folgen jedoch gleich drei relativ kurze Lieder, die der traditionellen Satzcharakteristik des Scherzo zuzuordnen wären. Ein vergleichender Blick beispielsweise auf die Siebente Symphonie zeigt uns, daß diese Aufteilung der Scherzocharakteristik auf mehrere kurze „Binnensätze“ von Mahler auch bereits zuvor symphonisch erprobt worden ist. In diesem Zusammenhang könnte man aber auch noch wesentlich weiter zurückgehen und Vergleichbares bereits in der Ersten Symphonie konstatieren, vor allem unter Berücksichtigung des ursprünglich fünfsätzigen Bauplans mit dem Idyllensatz Blumine an zweiter Stelle. Dieses „Blumenstück“ wäre unter dieser Perspektive betrachtet der erste von zwei scherzoartigen Binnensätzen.
Im Lied von der Erde benennen der dritte bis fünfte Satz (beziehungsweise das dritte bis fünfte Lied) in Übereinstimmung mit der symphonischen Scherzotradition auch die gehaltlichen Bereiche des Heiteren und Freundlichen und stellen somit einen starken Kontrast zu den in den Sätzen (Liedern) eins, zwei und sechs vorherrschenden ernsten Gedanken dar. Ein deutlicher Kontrast ergibt sich weiters aus der Kürze, die diesen Binnensätzen gemeinsam ist. Als erster Teil dieser scherzoartigen „Binnensatzgruppe“ und als besonders deutlicher Gegensatz zum ruhigen Ernst des Einsamen im Herbst erscheint Von der Jugend.
Bei näherer Betrachtung handelt es sich hierbei jedoch keinswegs um ein Lied, das „über die Jugend“ philosophiert! Die im Lied erwähnten Menschen – Freunde, die schön gekleidet, trinken, plaudern, manche schreiben Verse nieder – werden im Text auch nirgends ausdrücklich als „jugendlich“ beschrieben. Die kleine Gruppe gehört jedoch zu einem Bild, welches den eigentlichen Gehalt des Liedes ausmacht: sie befinden sich in einem Pavillon aus grünem und aus weißem Porzellan, der sich wiederum Mitten in dem kleinen Teiche befindet und zu dem eine gewölbte Brücke aus Jade führt. Mahlers Klavierfassungen vom Juli und August 1908 enthalten auch gar nicht den Titel Von der Jugend. Das Lied (der Satz) heißt hier tatsächlich Der Pavillon aus Porzellan. Das weist darauf hin, daß es in diesem Lied keineswegs darum geht, eine dem Ernst des zweiten Liedes grundsätzlich kontrastierende Geschichte über die Jugend zu erzählen. Vielmehr handelt es sich hier um ein stilisiertes, heiter-idyllisches Genrebild, welches selbstverständlich den Kontrastauftrag ebenso klar erfüllt. Der Inhalt des Bildes ist also der Pavillon aus Porzellan, mitten in einem Teich stehend, in dessen Wasser sich sein Bild und jenes der zu ihm hinführenden Brücke aus Jade spiegelt. Die sich angenehm unterhaltenden Freunde sind daher lediglich Bestandteile dieses Bildes, sie spielen keineswegs die Hauptrolle und ihre Jugend können wir nur vermuten.
Mahler setzt dieses Bild nun auch musikalisch ganz konkret um, wobei er offen auf „tonmalerische“ Mittel zurückgreift. Vor allem die Brücke mit ihrer Wölbung und das mehrfach angesprochene Motiv der im Text auch ausdrücklich als wunderlich beschriebenen Spiegelung des Bildes auf der Wasserfläche des Teiches finden auf diese Weise eine deutliche musikalische Entsprechung. Die Melodieführung des Beginns ist bereits ganz deutlich von bogenförmigen Auf- und Abwärtsbewegungen charakterisiert, solcherart die bogenförmig sich wölbende Brücke symbolisierend. Dazu kommt das Moment der Spiegelung: das Auf- und Abwärts des Melodiebeginns (der erste auch durch einen Bindebogen kenntlich gemachte Teil der Phrase) wird sofort in der nachfolgenden, wiederum durch Bindung zusammengefaßten melodischen Bewegung „gespiegelt“.
Auch in der formalen Gestaltung des Liedes als dreiteilige Liedform A – B – A’ erscheint die Idee der Bogenform, ebenso in der harmonischen Anlage: die A-Teile stehen in B-Dur, der B-Teil in G-Dur und g-Moll. Zudem erscheint die „fernöstliche“, exotistische Melodik in konsequenter Pentatonik vor allem in den A-Teilen konzentriert, während der B-Teil, in dem auch der im Pavillon befindliche Freundeskreis Erwähnung findet, in den Worten von Peter Revers eher von einem „wienerischen Espressivo“ gekennzeichnet ist.
Daß die Jugend nicht der Inhalt des Liedes ist, dürfte damit klar sein. Dennoch scheint es durchaus überlegenswert, das Thema „Jugend“ in einer anderen Akzentuierung in diesem Zusammenhang anzusprechen, nämlich im Hinblick auf die schon von Hans Mayer angesprochene Kategorie des „Jugendstils“. Mayer verwendet den Begriff in seiner Schrift über Mahler und die Literatur 1966 für die stilistische Charakterisierung und Bewertung der „Nachdichtungen“ Hans Bethges, freilich ergänzt durch das Adjektiv „zweitrangig“. Es scheint zumindest überlegenswert, ob Mahlers Vertonung dieses Texts gerade im Lied Von der Jugend nicht auch durch den Aspekt eines (in der wissenschaftlichen Literatur nach wie vor nicht wirklich definierten) „musikalischen Jugendstils“ sinnvoll zu diskutieren sein könnte.
„Alles Wassernahe ist dem Art Nouveau kongenial“ (Hans Hollander). Sieht man von der zugegeben etwas totalen Tendenz dieses Zitats ab, so erscheint es mir jedenfalls schlüssig, das stilisierte Bild, welches der Text entwirft, mit der in der allgemeinen Jugendstilliteratur wichtigen Kategorie der „Eingeschlossenheit des Individuums in eine künstliche Welt“ (Horst Weber) in Verbindung zu bringen. Obwohl die für einen musikalischen Jugendstil diskutierten Kategorien nicht auf einen allgemeinen Konsens in der Musikwissenschaft verweisen können, wäre doch immerhin die Frage zu erproben, wieweit sie auch in der konkreten musikalischen Gestaltungsweise des Liedes eine Rolle spielen. Dabei wäre an der von Mahler gewählten melodischen Gestaltung in diesem Zusammenhang etwa auf die in der Jugendstilliteratur immer wieder betonte Kategorie des Ornaments zu verweisen, deren grundlegende Bedeutung für das Lied Von der Jugend ja ganz unmittelbar zu hören ist.
Literaturhinweise:
Peter Revers: Mahlers Lieder. Ein musikalischer Werkführer. Verlag C.H.Beck, München 2000.
Peter Revers: „...eine von Bildern ganz erfüllte Kunst der Worte“ – Mahlers Lied von der Erde und die Rezeption chinesischer Lyrik im frühen 20. Jahrhundert. In: Gustav Mahler und das Lied. Referate des Bonner Symposions 2001. Hrsg. Bernd Sponheuer und Wolfram Steinbeck. Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main 2003, S. 103-122.
Hans Hollander: Musik und Jugendstil. Verlag Atlantis, Zürich 1975.
Autoreninfo
Christian Glanz, geboren 1960 in Bruck/Mur. Dozent ao Univ.Prof. am Institut für Analyse, Theorie und Geschichte der Musik der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien. Publikationen zu den Themen Musik und Politik, historische Aspekte österreichischer Popularmusik, Gustav Mahler (Monographie 2001), Hanns Eisler (Monographie 2008).