Österreichisches  Kulturforum Berlin


Jugend und Kunst: ein schwieriges Verhältnis

Beate Großegger

Drei von vier Österreichern meinen, die Auseinandersetzung mit Kunst und Kulturangeboten sei ein wichtiger Beitrag für die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen – jung und alt sind sich, wie das Kultur-Monitoring des österreichischen Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur zeigt, in diesem Punkt ausnahmsweise einig. Jugendliche, die ihre Freizeit lieber in Kunstausstellungen, Konzertsälen oder im Theater verbringen als gemeinsam mit Freunden auf ein populäres Musik- oder Sportevent zu gehen, findet man dennoch selten. Während die schillernden Bühnen der Populärkultur die breite Mehrheit der Jugendlichen magisch anziehen, geht die Jugend trotz grundsätzlicher Würdigung des Bildungswertes von Kunst zum etablierten Kunst- und Kulturbetrieb eher auf Distanz. Stellt sich die Frage: Warum?

Jugendliche als Kunstpublikum
Aus Sicht Jugendlicher steht Kunst für eine Art „Sonderwelt“, die in den heiligen Hallen der Hochkultur ihren Ort wie auch ihr Publikum findet. Auf Jugendliche wirkt das Hochkulturpublikum ein wenig abgehoben und jedenfalls weit entfernt von den Themen, Interessen wie auch Alltagsproblemen des normalen Durchschnittsjugendlichen. Die Jugend versteht Hochkultur als ein Angebot, das sich primär an kulturell gebildete Erwachsene richtet: an Kunstliebhaber gehobenen Alters – Menschen, die einen kontemplativen Zugang zu Kulturangeboten suchen und auch über entsprechendes Wissen verfügen, um sich den Sinn und Wert kultureller Angebote zu erschließen.

Jugendliche können und wollen sich mit dem distinguierten Lebensstil des klassischen Hochkulturpublikums meist nicht identifizieren und viele fühlen sich für den Kunstrezeptionsstil, den sie kunstinteressierten Erwachsenen zuschreiben, auch „zu dumm“. Dies gilt, obschon sich der Kunstsektor in den letzten Jahrzehnten massiv ausdifferenziert hat; die kritische Auseinandersetzung mit populärer Ästhetik wie auch die Medien-/Computerkunst haben eine Ausweitung der Kunstzone gebracht, die an jugendkulturelle Erfahrungs- und Erlebniswelten durchaus anschlussfähig wäre. Ein Grundproblem scheint jedoch zu sein, dass sich Jugendliche am Klischeebild des erwachsenen Kunstliebhabers, in dessen Welt das stilvoll Kultivierte und Kontemplative oder auch die intellektuelle Distanz regieren, messen. Schnell kommen sie zur Auffassung, dass ein spontaner, erlebnisorientierter und vordergründig auf Abtauchen in sinnliche Wahrnehmung basierender Zugang, der ihnen aus der jugendrelevanten Populärkultur bekannt und vertraut ist, in der Auseinandersetzung mit Kunst- und Kulturangeboten fehl am Platz sei. Abgesehen davon haben sie vielfach internalisiert, dass man Kunstwerke nicht einfach nach dem Prinzip „gefällt mir oder gefällt mir nicht“ beurteilen solle, da man dem Künstler und seinem Werk damit nicht gerecht werde. Zumindest sollten einem die Prozesse, mit denen Kunst ihre Frage stellt, geläufig sein. Doch auf wen trifft das schon zu? Auf die Jungs aus dem Skaterpark, die Emo-Clique an der Bushaltestelle, die jugendlichen Fitness-Freaks, die in den Fitness-Studios ihre Körper stählen, die Tecktonics, die in der Großraumdisco abtanzen, oder die Fußballfans, die kein Match ihrer Mannschaft auslassen, wohl eher nicht. Sie repräsentieren jene breite Mehrheit, der die populäre Jugendkultur um etliches näher ist als der etablierte Kulturbetrieb.

Jugendkultur ist ein Paralleluniversum: eine Kultur mit Eigensinn und zugleich Ort kreativer Ausdrucksformen, ohne dass kritische Reflexion oder Kontemplation Thema wären. Hier geht es auch nicht um ein Bildungsgut, das an das junge Publikum verteilt werden soll. Es geht vielmehr um sinnliche Wahrnehmung, um Statements, die das Publikum auf sich wirken lässt und mit denen es sich identifizieren kann, und es geht vor allem um Entertainment, Erlebnis, Spaß, Lust am Schauen, Hören, Staunen – frei nach dem Motto: „Jeder ist Amateur und jeder Experte, jeder ist eingeladen einzutauchen und sich faszinieren zu lassen.“ Zwar sind auch die kreativen Zonen der Jugendkultur eine Sonderwelt, die sich gegenüber dem Alltag der breiten Masse absetzt, sie wirken im Vergleich zum Kunst- und Kulturbetrieb aber weitaus weniger abgehoben und exklusiv. Und eben darum machen jugendkulturelle Angebote gemeinhin das Match um die Aufmerksamkeit des jungen Publikums. 

Jugendliche als kreative Akteure
„Mich interessiert nicht irgendeine große Wahrheit, weil der Glaube an deren Existenz sowieso die größte Lüge ist, die es gibt. Mir geht es fast ausschließlich um Statements. Und um Unterhaltung“, so der 18jährige Jung-Star der deutschen Literatur-Szene, Helene Hegemann, unlängst in einem Interview mit dem Musik-Magazin „Spex“.  Was für sie gilt, gilt im Wesentlichen auch für die kreativen Akteure und Akteurinnen der Jugendkultur.

Jugendkulturelle Kreativität ist soziokulturelle Kreativität, die dem ganz normalen Alltag näher liegt als dem etablierten Kulturbetrieb. Jugendkulturell kreativ sein bedeutet, sich inspirieren lassen, gestaltend imitieren und sich dabei an den (für Außenstehende oftmals unbedeutend anmutenden) Details abarbeiten. Nicht das Neue finden, sondern das Gegebene neu interpretieren, das ist es, worum es hier geht. Man versucht sich nicht an intellektuellen Kommentaren. Man sucht nicht nach der Wahrheit. Und man nimmt auch nicht kritisch Stellung, sondern versucht, im Kontext des jeweiligen jugendkulturellen Stils, der einen beheimatet, auf eine originelle Art und Weise ästhetisch expressiv zu sein.

Jugendkulturen eröffnen vielfältige Felder kreativen Ausdrucks und ergänzen damit das im etablierten Kunst- und Kulturbetrieb gängige Verständnis von Kreativität. Jugendkulturen stehen für „Künste der etwas anderen Art“ – seien es „Sprachkünste“ wie man sie aus der Rap-Kultur oder der Slam-Poetry-Szene kennt, seien es „Bildkünste“, wie Graffiti sprayen, Comics zeichnen, Skateboards designen oder VJing, „Körperkünste“, angefangen bei den  Break(danc)ern bzw. B-Boys bis hin zu den Free-Runnern (auch bekannt als Parkours), oder „Tonkünste“, vom guten alten Bandprojekt, über DJing, MCing bis hin zu vergleichsweise exotischeren Tonkunstvarianten wie Beatboxing, bei dem Drumcomputerbeats, Scratches, Schlagzeug und andere Perkussionsrhythmen mit Mund, Nase und Rachen imitiert werden.

In den Jugendkulturen geht es um „Skills“ und „Styles“. Kunst und Können stehen hier in einem engen Zusammenhang. Individuell Schöpferisches entfaltet sich im Kontext eines szenespezifischen Stils. Doch trotz aller Kreativität gilt: Nähe zum etablierten Kunstbetrieb entsteht eher selten.

Jugendkultur und etablierter Kunstbetrieb: Begegnungen und Irritationen
In den letzten drei bis vier Jahrzehnten wurden zahlreiche engagierte Bemühungen gesetzt, um Kunst und Kultur für ein breiteres und vor allem auch jüngeres Publikum zu erschließen. Innovative kulturpädagogische Konzepte, Überlegungen hinsichtlich einer am breiten Publikum orientierten Eintrittspreispolitik, die finanziellen Zugangsbarrieren gegensteuern soll, oder die zahlreichen Kulturinitiativen im ländlichen Raum, die einen wichtigen Beitrag leisten, um zeitgenössische Kunst aus dem exklusiven Wirkungsbereich des Urbanen herauszulösen und in die Regionen zu bringen, wären hier beispielsweise zu nennen. Nichtsdestotrotz ist der Kunstsektor über die Jahre alles in allem sozial selektiv geblieben. Und der Image-Relaunch – weg vom exklusiven Hochkulturtempel, in dem das Hervorgehobene, Besondere und Verfeinerte auf ein Podest gestellt wird, hin zu einer Begegnung mit Kunst als Pool von Ideen, die die Wahrnehmung wie auch Reflexion über das Wahrgenommene in Bewegung bringen und Mut machen, in der persönlichen Auseinandersetzung mit Kunst irgendwo zu beginnen, sei es bei naivem Staunen verbunden mit simplem „gefällt mir/gefällt mir nicht“ – ist noch nicht wirklich geglückt. So bleibt Kunst für viele Jugendliche eine prinzipiell wertvolle Sonderwelt, die im Alltag allerdings keine große Rolle spielt. Was also tun? Oder anders gefragt: Wie kann eine Öffnung des Kunstsektors gelingen?

Aus der Jugendkulturforschung weiß man, dass kulturferne Jugendliche am ehesten mit Jugendkulturprogrammen zu erreichen sind, die Musik, Film, „Neue Medien“ oder auch performanceorientierte Competitions mit niederschwelligen und unkonventionellen Angeboten aus dem Bereich der etablierten Kultur kombinieren. Als ideal erweisen sich dabei Settings, die dazu einladen, zwischen den Pop- bzw. Trivialangeboten und der Hochkultur hin und her zu switchen, sowie Projekte, die Schnittstellen ausloten, Grenzen verflüssigen oder auch ganz bewusst Kontraste setzen – und zwar Kontraste, die so scharf sind, dass man gar nicht anders kann, als sie auf sich wirken zu lassen. Das alles muss aus einer Perspektive erfolgen, die Hochkultur in der Hierarchie des Bedeutsamen nicht über Jugendkultur stellt. Wie das konkret aussehen kann, hat jüngst das Berliner Projekt „Flying Bach“ gezeigt. Frei nach dem Motto „Breakdance meets Klassik“ interpretieren Breaker hier unter der künstlerischen Leitung des Dirigenten und Opernregisseurs Christoph Hagel Bach, begleitet am Klavier und teils mit abgemischten Bach-Beats. Bach wird Streetart und Breakdance wird Kunst, so Hagels Vision.

Ehrgeiziges Ziel des im Frühjahr 2010 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin erstaufgeführten Projektes, ist es, Breakdance in die heiligen Hallen zu bringen und Bach zur Jugend auf die Straße. Für das klassische Kulturpublikum mag dies im ersten Moment irritierend klingen. Doch das ist durchaus gut so. Jugendkultur präsentiert sich hier nämlich als eine Herausforderung und zugleich Bereicherung für den etablierten Kunst- und Kulturbetrieb – und zwar dadurch, dass sie allzu Gewohntes in Frage stellt und für all jene, die aufgeschlossen sind, interessante neue Stand- und Blickpunkte bringt.

Literaturhinweise:

Bachleitner, Reinhard; Schreuer; Mynda: Kunstkonsum und Kunstsozialisation, in: ÖZS. Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 3/2008, 65-80

DASDING.tv vom 23.4.2010: Flying Bach – Breakdancer tanzen Bach, online verfügbar unter:
http://www.youtube.com/watch?v=dgd5KB2aFcg&feature=related (Zugriff am 15.11.2010)

Großegger, Beate: Jugendkulturprogramme, in: Amt der Tiroler Landesregierung/Abt. Kultur (Hg.): Freie Tiroler Kulturszene, Innsbruck, 2008, 99-101

IFES (im Auftrag des BM für Unterricht, Kunst und Kultur): Kultur-Monitoring. Bevölkerungsumfrage. Studienbericht 2007, Wien, 2007

Institut für Jugendkulturforschung (im Auftrag der Tiroler Kulturinitiativen/TKI – IG Kultur): Jugendkultur(en) und kulturelle Partizipation. Berichtsband, Wien, 2006

Überwindung des Theaters, in: Spex 09/10/2010, 36-53

Autoren-Info:
Dr. Beate Großegger ist wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Jugendkulturforschung – jugendkultur.at in Wien sowie externe Lehrbeauftragte an der Universität Wien und der Universität Innsbruck.