Liebe Freundinnen und Freunde des Kosmos Österreich!
Versinken in kundig pflückende weiße Mädchenhände, Lotosblütenanschmiegen, an sanft kippende Finger, Abgleiten in die flauschigen Fangfalten seidener Schoße, Wiederemporschnellen in Aufstieg entronnenen Duftes durch Kehle und Lippe in gereiztreizendes
Kichern hinter jugendtrunkenen Augen, Zurückkentern im Stimmwettspiel mit fernher auf Huftaktschnauben scheuender Nüstern galoppgewieherdurchjubelt herübersprengenden Jünglingsbalzrufen, Untergehen in entsinnendes Klangrauschforttauchen in Spiegelineinander von Sonne, Schilf, Mähne, Antlitz und See, Immer-Weiter-Vergehen in gleißendes Zusammenfließen von Himmel, Erde, Feuer, Wasser, Mensch und Tier zu der einen Schönheit Mittagslichtgestalt. „Junge Mädchen pflücken Blumen ...“.
Dank der Musik dürfen wir zusehen, indem wir zuhören. Mit Gustav Mahler hören wir zu, wie dieser mit Li-Tai-Po zusah, selbst unsichtbar und unhörbar, vom traumgeschützten Hügel der Sehnsucht her, und wir werden nicht satt an der Schönheit, bis mit einem Mal das schönste der Mädchen ihren Blick auf die dahinsausende Geschmeidigkeit heftet, von der nicht gesagt werden kann, ob sie Pferd und Reiter umfasst oder ob dieser abgeworfen zurückbleibt. Hinter dem Blick ihrer begehrlich gewordenen Augen entflammt dunkles Gefunkel und alle Schönheit der Beobachtung wird augenblicklich, der Augenblick aber verbrennt. Und an ihm versengt sich alles Versinken. Aus der schöne Traum von der Schönheit! Li-Tai-Po und Mahler werden sich erheben, vom nunmehr ungedeckten Hügel der Sehnsucht auf die andere Seite hinabsteigen in das Land der Schwermut und uns nur mehr von der verlorenen Schönheit wort- und tondichtend berichten, von der Simone Weil schreibt: „Schauen und warten ist das Verhalten, das dem Schönen angemessen ist. Solange man noch vorstellen, wollen, wünschen kann, erscheint das Schöne nicht. Darum liegt in aller Schönheit unaufhebbar Widerspruch, Bitterkeit, Abwesenheit.“ Selbst die Unerreichbarkeit der Schönheit wird unerreichbar – für das schöne Mädchen, Mahler, Li-Tai-Po und uns –, denn unser aller begehrlicher Blick hat das Warten vergällt, die Unschuld der Absichtslosigkeit genommen. Wir haben die Seele der Schönheit verloren, in der unsere Seele vielleicht Ruhe fände, denn wir haben sie zu gewinnen versucht. Wir hätten mit Simone Weil zu Ende denken sollen: „Der Abstand ist die Seele der Schönheit.“ Den fortbegehrten Abstand werden wir wiedergewinnen müssen, das Warten, und wir sollten uns
glücklich wähnen, wenn ihn sich und uns die Schönheit selbst verschafft, indem sie in die Abwesenheit entschwindet und im letzten Lied des Zyklus, im Abschied, zu noch schönerer Schönheit aufblüht.
Von der Schönheit. Das vierte Lied des Liedes von der Erde wird seinem Titel gewiss gerecht. Es ist wunderschön. Doch kann es, wie jede direkte Beschäftigung mit der Schönheit, deren Fülle nie erreichen. Das wissen alle, die wir für dieses Heftchen befragt haben, luzide Geister der Geschichte von Heraklit bis Wittgenstein, zeitgenössische Gelehrte wie Burghart Schmidt, die Mehrheit der Künstler, die in den kommenden Monaten bei uns auftreten werden, die bekannte, in Berlin lebende österreichische Malerin
Xenia Hausner, die Marcus Kindlinger für uns zum Thema interviewt hat, das bekennt mindestens implizit der ebenso unwie außergewöhnliche Kurator unserer nächsten Ausstellung, Herbert Lachmayer, wenn er ihr den Titel Gustav Mahler – Produktive Dekadenz in Wien um 1900 verleiht, das wissen aber auch die Stimmen, die wir unseren Facebook-Kontakten entnommen
haben, alle kommen sie zumindest in der von einem Mitglied der modernen Wienerliedgruppe Kollegium Kalksburg unnachahmlich auf den Punkt gekalauerten Gewissheit überein: „Schee is wos aundas!“
Ich darf uns allen wünschen, uns an dem hoffentlich Schönen dieses Heftchens und an dem hoffentlich Schönen, das wir in den kommenden Monaten anbieten und vermitteln können, ebenso zu erfreuen, wie für das schöne Andere, das andere und anders Schöne, das uns danach noch überraschen mag, offen zu bleiben. Halten wir uns an Li-Tai-Po und Gustav Mahler.
Wilhelm Pfeistlinger