österreichisches kulturforum Berlin

Poetischer Planet

Gustav Mahler - Das Lied von der Erde
4. Von der Schönheit

Junge Mädchen pflücken Blumen,
Pflücken Lotosblumen an dem Uferrande.
Zwischen Büschen und Blättern sitzen sie,
Sammeln Blüten in den Schoß und rufen
Sich einander Neckereien zu.

Goldne Sonne webt um die Gestalten,
Spiegelt sie im blanken Wasser wider.
Sonne spiegelt ihre schlanken Glieder,
Ihre süßen Augen wider,
Und der Zephyr hebt mit Schmeichelkosen das Gewebe
Ihrer Ärmel auf, führt den Zauber
Ihrer Wohlgerüche durch die Luft.

O sieh, was tummeln sich für schöne Knaben
Dort an dem Uferrand auf mut'gen Rossen,
Weithin glänzend wie die Sonnenstrahlen;
Schon zwischen dem Geäst der grünen Weiden
Trabt das jungfrische Volk einher!
Das Roß des einen wiehert fröhlich auf
Und scheut und saust dahin;
Über Blumen, Gräser, wanken hin die Hufe,
Sie zerstampfen jäh im Sturm die hingesunknen Blüten.
Hei! Wie flattern im Taumel seine Mähnen,
Dampfen heiß die Nüstern!
Goldne Sonne webt um die Gestalten,
Spiegelt sie im blanken Wasser wider.

Und die schönste von den Jungfraun sendet
Lange Blicke ihm der Sehnsucht nach.
Ihre stolze Haltung is nur Verstellung.
In dem Funkeln ihrer großen Augen,
In dem Dunkel ihres heißen Blicks
Schwingt klagend noch die Erregung ihres Herzens nach.

 

Schöne Wort über das "Schöne" - Zeugnisse von einst

Die schönste Weltordnung ist wie ein aufs geratewohl hingeschütteter Kehrichthaufen.
Heraklit (540-480 v.Chr.)

Spät hab ich Dich geliebt, Du Schönheit, ewig alt und ewig neu, spät hab ich Dich geliebt. Und siehe, Du warst innen und ich war draußen, und da suchte ich nach Dir, und auf das Schöngestalte, das Du geschaffen, warf ich mich, selber eine Mißgestalt. Du warst bei mir, ich war nicht bei Dir. Was doch nicht wäre, wär es nicht in Dir: das eben zog mich weit von Dir. Du hast gerufen und geschrien und meine Taubheit zerrissen; Du hast geblitzt, geleuchtet und meine Blindheit verscheucht; Du hast Duft verbreitet, und ich sog den Hauch und schnaube jetzt nach Dir; ich habe gekostet, nun hungere ich und dürste; Du hast mich berührt, und ich brenne nach dem Frieden in Dir.
Aurelius Augustinus (354 - 430)

Gott, für den tausend Jahre sind wie ein Tag,
sieht uns aufschießen,
stehen und in uns zusammensinken,
sieht die Schönheit in der Bewegung und nicht in der Blüte.               
Ilse Aichinger (*1921)

Rot ist doch g’wiß a schöne Farb‘, die schönsten Blumen sein die Rosen, und die Rosen sein rot. Das Schönste in der Natur ist der Morgen, und der kündigt sich an durch das prächtige Rot. Die Wolken sind doch g’wiß keine schöne Erfindung, und sogar die Wolken sein schön, wann s‘ in der Abendsonn‘ brennrot dastehn au’m Himmel; drum sag‘ ich: wer gegen die rote Farb‘ was hat, der weiß nit , was schön is.“
Johann Nepomuk Nestroy (1801 - 1862)

Sahest du nie die Schönheit im Augenblicke des Leidens, niemals hast du die Schönheit gesehn!
Friedrich Schiller (1759 - 1805)

Gestern sah ich dich auf der Straße, Myriam, und
du erschienst mir so schön, Myriam, daß
(Wie erkläre ich dir, welche Schönheit ich sah!)
Nicht einmal du, Myriam, kannst solche Schönheit an dir wahrnehmen noch
dir vorstellen, daß du so schön für mich sein kannst.
Und so schön erschienst du mir, daß ich glaube
keine Frau ist schöner als du
und kein Verliebter findet eine Frau
so schön, Myriam, wie ich dich finde
und du selbst, Myriam, bist vielleicht nicht einmal so schön
denn soviel Schönheit kann nicht wirklich sein!
Wie ich sie an dir wahrnahm, gestern auf der Straße
und wie ich heute glaube, Myriam, an dir gesehen zu haben.
Ernesto Cardenal (*1925)

Was uns an der sichtbaren Schönheit entzückt, ist ewig nur die unsichtbare.
Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)

 

schee is wos aundas – Zeugnisse von jetzt

Lassen Sie es mich einmal so ausdrücken - als letztes Jahr im Pinzgau die Straßen immer enger wurden, stromaufwärts der Belag spärlicher, letztlich Schotter die Oberhand gewinnend, rechtschaffene Wirtschaftswege einspurig einsam, kilometerlang im Kulturgebiet grasbewachsene zwischen-den-Rädern-Streifen zulassend, sich ergeben in bundesforstlich genutzte, von der tiefstehenden Abendsonne duftende Waldwege, sich verjüngend in farbenfroh markierte, festes Schuhwerk mahnende Pfade, und sich verlieren in nunmehr ausschließlich von Tieren frequentierten Wechseln, dachte ich -  schön wars in der Sommerfrische.
Paul Skrepek (*1963, Kollegium Kalksburg)

„Die Schönheit ist nichts als das Versprechen des Glücks“, hat Stendal einmal gesagt. „Von der Schönheit“ heißt es auch in Mahlers „Lied von der Erde“, jener sechsteiligen Liederreihe von symphonischem Zuschnitt. Als Klavierlied trug dieser Abschnitt noch den Titel „Am Ufer“. Schließlich spricht der Text von am Ufer spielenden Mädchen, später von daran vorüberreitenden Knaben. Aber nicht Beschreibung ist Mahlers Ziel. Schönheit, lässt er dem Zuhörer bald wissen, ist tiefste innere Reflexion.
Walter Dobner (*1952, Musikpublizist)

Schönheit ist für mich der Gegensatz von Entfremdung. Die Schönheit eines Menschen ergibt sich dementsprechend aus dessen Grad an Individualität. Die Schönheit eines Kunstwerk oder einer Komposition liegt in seiner Spiegelung von Mensch und/oder Natur begründet. Eine gelungene Spiegelung ist für mich der präzise und einzigartige Ausdruck von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem Werk. Die Suche nach dieser Schönheit ist ein Leitstern meiner Arbeit als Komponistin – ein Art Antwort auf die Vergänglichkeit.
Johanna Doderer (*1969, Komponistin)

Schön ist ein Satz von Thomas Bernhard. Ein Buch von J.D. Salinger. Eine Aufnahme von Thelonious Monk. Ein Solo von Django Reinhardt. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit. Berührung. Rhythmus von Bartok. Die ungarische Tiefebene. Frieden. Ruhe. Brooklyn. Geheimnisse. Ein gutes Wienerlied. Night on Earth. Elisabeth. Frischer Zigarettenrauch. Kaffee. Weinen. Ganz einfache Dinge. Wien. Einfach sein. Eintauchen. Mingus. Monty Python. Hendrix. Beatles. Spike Jones. Mussorgsky. Erinnerung an die Großeltern. Alles, was von Herzen kommt. Alles, was berührt. Unendlich, kosmisch, weit.
Georg Breinschmid (*1973, Bassist)

GesangSchönheit Stimme…
NotenSchönheit Musik…
GedankenSchönheit Worte…
BewegungSchönheit Tanz…
… und mein Herz schlägt Purzelbäume
Rengha Rodewill (Künstlerin)

Heintje – aber die glücklichste Mutter der Welt
Hungertuch – aber nicht verraten und verkauft
Vorgetäuscht – aber du bist ein Held
Ein lebenslanger Tinitus – aber in der ersten Reihe gestanden
Völlig verirrt – aber dann kamst Du
fiveseasons (Wiener Kulturverein)

Sehr geehrte Unsensibelinnen und Unsesibernl,
angesichts der von menschlichen Gier angerichteten Versupergauung  einer schon ziemlich furchtbaren Katastrophe, von Deadline und der Bitte maximal 500 Zeichen zur Frage „was ist für sie schön“ zu schicken,  möchte ich mir die Frechheit erlauben, Sie aufzufordern, selbst einmal kurz innezuhalten und nachzudenken. Das Lied der Erde kann nur ein sehr trauriges sein, und schee is wos aundas!
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr KunstausverkaufshausKalksburg 
PS: Interessant ist, dass die Insel der Seligen, schon ein Kosmos Österreich geworden ist.
Heinz Ditsch (*1963, Kollegium Kalksburg)