österreichisches kulturforum Berlin

Liebe Freundinnen und Freunde des Kosmos Österreich!

Abend. Dämmerung alles, Übergang. Die Sonne sammelt ihre goldsilbernen Fäden wieder ein. Ihre Barmherzigkeit aber ist größer als ihre Selbstbehauptung. Der Aufschrei der lichtentblößten Erde heißt sie sich ein letztes Mal aufzubäumen, um sich in die Röte des Horizonts zu verströmen, den letzten Umhang aus fließendem Glanz für die schutzlose Schwester. Und sie verglüht. Der kleine Bruder Mond, ein treuer Gesell,  trägt jedoch die Glut durch die Schwärze. So bleiben Licht und Schrei, Schweigen und Dunkel ineinander verstrickt, purpurne Beredtheit der Nacht.     

Mitten in diesem Garten Erde steht ein Mensch. Er lauscht, schaut, hascht nach dem Duft und der Süße und dem Hauch. Er lässt seine Seele und den Abend ineinander schaukeln, bis es ihn überkommt und er der Erde inne wird: des Schwalls ihres Aufruhrs, des Sogs ihrer Trunkenheit, der Schwere ihrer Einsamkeit,  des Stolzes ihres Jammers. Und er beginnt sie alle zu besingen –  und nennt sie Jugend, Frühling, Herbst und Schönheit und wiederum Schönheit…. Er singt und singt sein Lied von der Wirklichkeit, doch er will es teilen, er will vernommen werden. Wo bleibt der andere Mensch, der Freund? Er singt und wartet, wartet und singt. Als der Freund endlich erscheint, zögert der Mensch nicht, ihm sein Lied der Wirklichkeit vorzutragen. Doch der Freund versteht ihn und versteht ihn nicht, fasst die Melodie und vergisst sie, nimmt den Rhythmus auf und verirrt sich in ihm, erkennt die Harmonien und bricht sie. Der Mensch merkt, dass er nicht teilen kann, was er besingt, er kann sein Lied nur singen und lassen. So lässt er dem Freund sein  Lied von der Wirklichkeit und dieses Lassen selbst besingt er zuletzt und nennt es „Abschied“. Da wird ihm bewusst, dass der Abschied in allen Strophen mitgesungen wurde. „Abschied“ ist das Lied von der Wirklichkeit des Liedes, das Lied vom Lied, sein Refrain und mehr noch – seine Tonart. Im Abschied aber vermag der Mensch jetzt aufzubrechen aus seinem Lied von der Wirklichkeit zur Wirklichkeit seines Liedes. Zurück bleibt er nur im Lied vom Lied.  Wir befinden uns im letzten der sechs Lieder des „Lied von der Erde“: „Abschied“. Und tatsächlich, es wird Zeit, sich von Gustav Mahler zu verabschieden .Es ist allerdings nur das Ende eines Jubiläumsjahres, dem andere folgen werden. Dass dieser Abschied als vorläufiger erscheint, dafür hat Mahler selbst gesorgt. Er hat uns ein „Auf Wiedersehen bzw. Wiederhören“ ermöglicht, indem er das Lied von der Erde sang und darin – als Schluss- und Höhepunkt diesen „Abschied“. Sein großes Lebewohl war, wie er selbst beteuerte „das Persönlichste“, das er je geschaffen. Im  Abschied fallen denn auch die Unterschiede, und das Ununterschiedene wird gleichzeitig höchstpersönlich, die Geschichte wird Geschichte, die Zeit hat endlich Zeit, die große Dramaturgie vollzieht sich im Drama des Einzelnen. Kein Wunder daher, dass alle um einen Beitrag zum Thema „Abschied“ befragten Persönlichkeiten zugleich Persönlichstes schrieben und Universales aussagten. Die Tür zwischen jedem von Ihnen bzw. von uns allen – ob Deutsche, Österreicher oder Erdenbürger anderer Abstammung – und dem Universum, dem Kosmos – zumindest dem „Kosmos Österreich“ - zu öffnen und offen zu halten, das ist auch der Selbstanspruch des Österreichischen Kulturforums Berlin. Sei es durch unsere Veranstaltungen, durch eine neue Internet-Präsenz, durch unsere Beratungsangebote, wir wollen nichts, als die Erfahrung des Augenblicks  zu ermöglichen, die der Mensch seinem Freund am Ende des Liedes von der Erde als Erbe und Verheißung des Abschieds anvertraut.  

Die liebe Erde allüberall./Blüht auf im Lenz und grünt / Aufs neu! Allüberall und ewig / Blauen licht die Fernen! /Ewig... ewig... 

Die Verwandlung des „Für immer“ von Erde und Himmel ins „Auf Ewig“ von Himmel und Erde. Das wünschen wir Ihnen.

Wilhelm Pfeistlinger