ADDIO - Gedanken zum "Lied von der Erde"
Maria Inversi
Ich habe wiederholte Male das “Lied von der Erde” gehört und die Welt von dem tragischen Gesichtspunkt aus neu zu denken versucht, der sich durch das gesamte Werk zu ziehen scheint. Eine Tragik, die Mahler, wie ich es empfinde, hinter sich zu lassen versteht, wie ein Kind, das den Schmerz überwindet, um auf anderen Wegen weitergehen zu können. Wege, deren sich der Künstler bedient um innere geistige Höhen und Tiefen auszuloten.
Mahler führt uns in jene Bereiche, die am wenigsten zu greifen sind: an die Grenze zwischen dem Fühlen und dem Sagen des schöpferischen Aktes. Er spricht uns von der Einsamkeit, zu der jede Erfahrung uns zwingt, und von seiner Einsamkeit. Niemand ist einsamer als der Künstler, schreibt Samuel Beckett mit Bezug auf Proust, und als Künstlerin verstehe ich das, denn die Suche nach einer Synthese, welche die eigene Welt und die Welten der anderen gleichermaßen erzählen würde, die Suche nach Ausgewogenheit und Harmonie kann unmöglich geteilt werden. Würde das nicht jeder Mensch in der Erfahrung des Schmerzes und der Freude sagen können? Und in der Erfahrung des Abschieds?
Der Abschied oder, wie wir ihn in meiner Muttersprache nennen - „L’Addio“ (im übrigen sollte das Wort auch im Italienischen mit einem großen „A“ geschrieben werden), dieser Akt der Trennung von dem, was wir lieben oder fürchten, was uns träumen machte und zerbrach – in was, wie übersetzt er sich in uns? Der Abschiede gibt es viele: der erste Liebesverrat, der unzuverlässige Freund, ein Partner, Verwandter oder Freund, der uns für immer mitsamt seinen Geheimnissen verlässt, sie alle lassen eine große, nicht wiederauffüllbare Leere zurück und werden selbst zu Infragestellungen des Sinns unserer Beziehungen, ja unserer Existenz. Abschiede, die uns den Stoff, aus dem unsere Kraft und unsere Zerbrechlichkeit gemacht sind, aufzeigen, Abschiede, die sich in neue Wissbegierde verwandeln, Abschiede, die uns dann und wann aufreißen und stumm schlagen, für eine Zeit lang ohne Zeit: jeden Wunsch, jeden Sinn fortzehrend. Womit haben wir uns da zu konfrontieren? Mit Angst? Leere? Unfähigkeit? Traurigkeit? Melancholie? Was ich in Mahler und dem letzten seiner Lieder gewärtige, ist ein Abschied, der sich an einem abstrakten Ort vollzieht, an dem alle Toten unterschiedslos zur Ruhe gebettet sind, der dem jüdischen „Sheol“ entspricht. Der Nicht-Ort des Tragischen, glaube ich sagen zu dürfen. Aber auch die endgültige Trennung von einer Person oder einer Sache, ist in einem Nicht-Ort zwischen Verstand und Herz, zwischen Erleuchtung und Verdunklung des Geistes beheimatet.
Die Worte und Töne der schönen Altstimme spielen mit den Höhen und verlassen lediglich für wenige Momente die Tiefe des pulsierenden Herzens. Dieser Gesang bewegt sich zwischen Hell und Dunkel, wie auch die Leichtigkeit, die uns von uns selbst entzweit; von unserem Schmerz über ein Leben im Bewusstsein, dass das Ewige nicht dem menschlichen Bereich angehört, sondern einem höheren, dem allerhöchsten. Unerreichbar wie eine bestimmte künstlerische Vollkommenheit. Mehrere Empfindsamkeiten und Geister haben sich übereinander gelegt, sich verflochten und vermischt und sind eins geworden. Ein einziges pulsierendes Herz. Das mit dem unseren schlägt: jedoch nicht immer unmittelbar. Manchmal unterbricht es, um sich machtvoll und unabwendbar neu zu definieren als das, was wir für immer in unseren Augen tragen.
Die Musik, das wissen wir, reißt mehr als jede andere Kunst Grenzen nieder und meine Hörweise ist eine von vielen möglichen. Der Abschied für immer, das „Addio“ , das Adieu – manchmal auch im englischen, deutschen und in den skandinavischen Sprachen verwendet -, das Adios, bedeutet uns: „al Dio (à Dieu), d.h. „zu Gott hin“; zu Gott hin – ad Deum; dieses ist aber vielleicht nur ein kleiner Schritt weíter, als ein Gehen ohne Gott – a-theos - in Anlehnung an die negierende Bedeutung des griechischen Präfixes „A“ - vermag. Der Gott, den wir erreichen, ist nie Gott, den wir nie erreichen. In jedem Fall ist der Abschied –das Addio – ein Schritt ins Jenseits des Bekannten, ins Jenseits jeglichen Verstehens. Ähnlich der Musik.
Die Gegend, in der ich geboren wurde, Süditalien, wo die Sonne sich jeden Sommer immer wieder neu niederlässt und wo das Licht auf den Mauern, über den Hügeln und aus dem Meer lacht, diesem kleinen Fleckchen Erde haben Sonne und Schatten seltene Orchideenarten, Olivenbäume mit architektonisch anmutenden, ausladenden, kräftigen Ästen geschenkt. Zahllose Mandelbäume in Blüte reichten einst bis zum Meer und existieren heute nicht mehr. Fort die Blumen, ihr Rosa, das in den Himmel schaut, fort die alten Stämme, die dunkle, satte Erde fort. Addio Schönheit, die wenig einträglichen Mandelbäume wurden durch ertragsoptimierte Kulturen ersetzt. Fort somit die Anstrengung, fort die Furcht, dass ein einziger Frosteinbruch die ganze Ernte zerstören könnte, fort der Schatten und der durchdringende Duft, fort mit all dem Alten, fort. Und wenn einige der Bomben, an denen unsere Meerestiefen so reich sind, auf die Maisfelder geworfen worden wären? Addio, Überfluss, Addio Geld und firmiertes Kapital und unnütze Dinge in einem immer mehr sich bis zum Platzen verschärfenden Druck. Denn dies ist schlichtweg der letzte Zweck des Überschusses auf den Bankkonten der meisten Italiener. Doch am Ende wird die Weltwirtschaft es sein, die nicht mit dem Wert des Verlorenen rechnet.
Das Meer aber gibt es weiterhin, dieses mein Meer war da, ist da und wird da sein, ohne dass wir wissen wie. Wir wissen, dass es noch Buchten und Dünen gibt, Dämme und Narzissen, Lilien und Meeresorchideen und noch die Delphine, den Furchenwal, die Schildkröten. Und auch in den Lüften sieht man noch Falken, Reiher und Stelzen fliegen. Auf den Inseln gedeihen noch die Pinien und die Akazien. Bis wann? Wenn irgendeine intelligente Bombe auf die Grotten fiele, hineinrutschte und das Meer mit einem Knall sich den Abermillionen Zentnern Abfalls verweigerte, Abermillionen Zentnern widerwärtigen Überflusses, was bliebe von der Schönheit, die Denkmälern und Skulpturen zugrunde liegt, Goethe und Liszt inspirierte, Literatur und Musik – Symphonien, Lieder, Opern, ernste und unterhaltende Musik - gebar, was bliebe?
Das Meer, dieses Meer, dessen Boden ich kennenlernen durfte, von dem ich nicht weiß, ob ich ihn in solcher Reinheit wiedersehen werde, dieses Meer erinnert mich jetzt an “Undine geht” von Ingeborg Bachmann; sie entscheidet sich, nicht an Land zu gehen, sondern sich vom Menschlichen zu entfernen, das verwirrt, niederschlägt, schadet. Jenes Menschliche, das, findet es nicht von neuem die Leidenschaft für den neuen Samen, die Liebe zum Keimling, die Sehnsucht, den Kindern und Kindeskindern den wahren Sinn jeder Anstrengung weiterzugeben: die Errettung des Universums, jenes Menschliche wird enorm verarmen und wird nicht einmal verstehen, warum.
Nicht an der Verrücktheit liegt es, wenn Menschen und Dinge zerstört werden, sondern an der Mittelmäßigkeit, am Zynismus und an der Grausamkeit. Doch der gute Samen, liebevoll und mutig, lässt uns mit Hoffnung auf die Lebenskraft des Universums blicken, nicht auf die Kraft der Zerstörung, die uns unter unseren Augen tagtäglich schaudern macht. Es liegt an uns. „Wenn nicht jetzt, wann? Wenn nicht ich, wer für mich? Aber wenn nur für mich, wer bin ich?“