österreichisches kulturforum Berlin

Liebe Leserinnen und Leser,

I can't forget but I don't remember what.

Dieser Satz des kanadischen Barden Leonard Cohen ist eine Fundgrube der Einsicht.

Ich kann nicht vergessen, aber ich erinnere mich nicht, was.

Ein Bekenntnis zur Vergangenheit und ein Plädoyer für die Zukunft in zehn Worten. Die Erinnerung ist stärker als das Vergessen, doch sie ist schwach. Sie ist eine Notwendigkeit, doch sie wendet oder endet die Not nicht. Sie wandelt in den Spuren der Vergangenheit,doch sie kann ihre Augen nicht wenden, so torkelt sie im Rückwärtsgang. Das Defizit der Erinnerung ist ihre Einbahnartigkeit. Die Sprache zeigt es auf und gibt gleichzeitig einen Hinweis aufdie Möglichkeit seiner Behebung. Erinnern nennt sie auch Sich-Entsinnen. Sich Entsinnen aber ist, was es besagt - ein Ent-Sinnen,ein Vorgang der Entledigung, ein Abstreifen der Sinne, um auf dem Pfad der Zeit zurückgehen zu können. Der Abstieg ins Gedächtnis vergeistigt und ermöglicht dadurch die Annäherung an das Einst und die Rückführung in die Innerlichkeit. Doch das Einst war einmal ein Jetzt; eine Gegenwärtigkeit voller Sinnlichkeit oder geistiger Sattheit und es war gerichtet auf ein Morgen, eine Fülle, die aus Innerlichkeit geboren war. Das Ent-Sinnen stößt an Er-Sonnenes, doch Er-Sonnenes versteht nur, wer zu er-sinnen versteht. Das adäquate Medium für das Verständnis der Zukunft der Vergangenheit kann in der Gegenwart nur das Verständnis der Zukunft der Gegenwart sein. Ohne Vergangenheit keine Zukunft, doch ebenso ohne Zukunft keine Vergangenheit.

Vollständige Erinnerung würde das Sich-Entsinnen und das Er-Sinnen umschließen, würde von der Rückführung in die Innerlichkeit bis zur Gestaltung aus der Innerlichkeit reichen, vom Graben in die Vergangenheit bis zum Schaufeln der Zukunft. Je mehr und besser wir das eine pflegen, desto mehr und besser wird uns das andere gelingen. Bis Entsinnen und Ersinnen im Erinnern als dessen einander ergänzende Aspekte vereint sein werden, werden wir immer wieder auf Rückschau und Vorsatz, Lernen und Wagen, Erfahrenund Verwirklichen, Einverleiben und Bauen, auf Instruktion und Konstruktion, auf Historie und Prophetie verwiesen sein, wird alles von dieser Polarität beherrscht sein, deren Extreme Fatalismus und Apokalypse heißen dürften. Die Haltestellen davor aber, von denen schwerlich zu sagen ist, ob sie mit dem Endstationspaar die Einheit einer Doppelhaltestelle bilden oder noch als letzte Absprungmöglichkeit gewährt werden, lauten: Kapitulation und Utopie.

Dieser Kosmos und unser Programm des anbrechenden Jahres sind dem futurischen Aspekt des Erinnerns gewidmet: der Utopie und dem materialisierten Symbol ihrer Sozialisierung - der Stadt, besonders in der uns betreffenden Gegenüberstellung Berlin - Wien, dem Erinnern als Entsinnen einerseits und als Ersinnen andererseits, ersteres transparent im Phänomen des Mystischen, letzteres im Phänomen der Architektur. Konzerte, eine Fotoausstellung, ferner die Dankbarkeit, Trauer, Demut, Vorsicht und Vorsatzersinnende Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz im Rahmen eines musikalischen Abends, Lesungen, Film und Performances werden einmal mehr zum Zuge kommen. Einstimmen dazu mögen Sie auf den kommenden Seiten die Ausführungen des renommierten, in Berlin lebenden österreichischen Kunsthistorikers Rudolf Preimesberger, der politische Überblick von Wendelin Ettmayer, das Bekenntnis von Maximilian Tonsern, die Reflexionen von Alexander Exner und nicht zuletzt die sensibel-aussagekräftkgen Bilder von Paul Albert Leitner.

I can't forget, but I don't remember what. Diese Worte des Leonard Cohen wollen wir nicht vergessen. Nicht vergessen wollenwir aber auch die Stimmen zweier seiner österreichischen Kollegen,von denen dieser Satz, wie mir scheint, genauso hätte stammen können. Ende November letzten Jahres verließen sie unsere Welt: Georg Kreisler und Ludwig Hirsch. Barde Cohen möge mir verzeihen, wenn ich ihn mit erinnerndem Blick auf diese beiden leicht variiere: We won't forget because we will alwaysremember who.

Wilhelm Pfeistlinger