Österreichisches  Kulturforum Berlin


Utopie

Maximilian Tonsern

Und dann fliegen wir rauf, mit in den Himmel rein, in eine neue Zeit, in eine neue Welt

Utopie, das bedeutet für mich Freiheit. Wie es Ludwig Hirsch schon so passend formulierte und singt, eine neue Zeit, eine neue Welt, eine Welt, die Freiheit heißt. Die Freiheit verspricht. Mich nicht mehr eingrenzt, mir nicht vorschreibt, was zu tun sei. Eine neue Welt, die keine Grenzen kennt. Ich fühle mich eingesperrt in der heutigen Zeit, fühle mich in meinem Handeln und Tun beeinflusst, beeinschränkt. Mir werden Regeln vorgeschoben wie ein Riegel vor eine Tür. Regeln, die ich zu akzeptieren habe, ob sie mir gefallen, ob ich sie will, tut nichts zur Sache. Ich komme zur Welt, werde hineingeboren in eine starre, vor Geboten und Verboten strotzende Welt. Ich möchte flüchten, doch wohin? Die Zeiten, in denen man Plätze fand, die unberührt, still, frei, weit weg vom Trubel und Bombardement der modernen Zeit sind, sind vorbei. Ich möchte flüchten, möchte träumen von einer Welt, die weniger von dem, was unsre jetzige Welt zuviel hat, aufweist. Ich brauche niemanden, der mir vorschreibt, wie ich mit jemanden umzugehen habe. Wenn ich jemanden liebe oder mag, weiß ich auch selbst, wie ich mit jenem Menschen umgehe, ich habe dieses Wissen in mir, es entwickelte sich intrinsisch, ohne Hilfe von Außen. Wenn ich trauere und weine, hat mir niemand vorzuschreiben wie man trauert, wie man weint. Ich möchte kein anteilvolles Schwarz tragen, ich möchte vor Farben nur so strotzen, stellvertretend für die Facetten des Lebens, welches hier zu Ende ging, möchte erinnern, wie schön dieses Leben war, und wie schön es jetzt ist. Wenn ich lache und meinem Humor fröne, brauche ich niemanden, der mir sagt, worüber ich lachen darf und worüber nicht. Ich weiß es selbst, ich kenne mich doch. Wenn ich etwas tun möchte, dann will ich das tun, und ich möchte keine Barrieren und Grenzen, die sich mir in den Weg stellen, die mir andere Menschen in ihrer Kleinkariertheit vorlegen, zwischen meinen Beinen installieren, wo sie mich doch tragen wollen, in eine neue Welt. Ich träume von meiner persönlichen Utopie, eine Welt der Freiheit. Einer Welt, in der ich tragen kann was ich will, ohne dass es den Missfallen von anderen erregt. Eine Welt voller Freiheit für jeden und jede, auch für jene, die mich sehen, mich erleben. Ich möchte Freiheit für sie, sodass sie die Gabe besitzen, mir meine Freiheit zu gewährleisten, sodass sie nicht darüber nachdenken, wie ich mich kleide, sodass sie nicht abfällig darüber sprechen. Ich möchte eine Welt, in der ich laut sagen kann, was ich denke. Eine Welt, in der ich einem Mädchen frei, aus dem Bauch heraus, sagen kann, dass ich sie wunderschön finde, ohne dass ich mir dabei denke, dass das durchaus in einer peinlichen Situation enden könnte. Ich will eine Welt ohne solche Gedanken, eine Welt, die solche Gedanken nicht kennt, in der Komplimente noch Komplimente sind, in der man das, was man von sich gibt, noch ernst meint, und das beim Gegenüber auch richtig ankommt. Ich will eine Welt, in der ich sagen kann, dass ich jemanden nicht mag, in der ich das auch direkt jemandem ins Gesicht sagen kann, ohne dass jener und jene beleidigt ist, ohne dass dies in einem großen Eklat endet. Ich träume. Ich träume von einer Utopie, in der ich mich meiner Umwelt so mitteilen kann, wie ich es mir jetzt meistens nur denke. Eine Welt, in der es nicht als unmännlich gilt, öffentlich zu weinen, eine Welt, in der es nicht negativ bewertet wird, wenn man traurig ist, als Mann Gefühle zeigt. Ich möchte eine Welt, in der man andre Menschen nicht aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrem Äußeren nach bewertet und in Schubladen steckt, sondern so annimmt, wie sie sind. Ich möchte eine Welt, die keine Staaten kennt, eine Welt, in der Grenzen und Länder als letzte Reste eines alten Instinkts des Menschen erkannt worden sind, in der es diese Instinktreste nicht mehr gibt. Ich möchte eine Welt, in der ich mich wohl fühle, egal wo, in der ich mich heimisch finde, egal wo. Ich wünsche mir eine Welt, eine Zukunft, in der Waffen schweigen, in der man nicht mal mehr mit Worten kämpfen muss, eine Welt, die friedlich ist, in der Frieden herrscht. Ich träume von einer Utopie, in der es keine großen Menschen gibt, die sich ihre Bäuche mit Köstlichkeiten voll schlagen, während die kleinen sich von Abfällen ernähren. Ich träume von einer Welt, die keine Ungerechtigkeit kennt, die in jeder Sekunde, in jeder Minute, die absolute Gerechtigkeit schmeckt. Ich möchte eine Welt, in der Kinder ein sicheres Zuhause haben, einen Anspruch auf Glück, auf Zufriedenheit. Auf Nahrung und Wasser. Überhaupt, ich möchte eine Utopie, in der es keine Frage mehr nach Nahrung und Wasser gibt, da es vorhanden ist, für jeden, für jede. Ich träume von einer Welt, die keine Umweltschäden mehr kennt, eine Welt, in der man die Natur, in der man leben und träumen darf, achtet und respektiert, miteinander, nicht gegeneinander. Ich träume von einer Vision, in der man nicht angeben muss, um jemand zu sein, da man schon jemand ist. Ich möchte eine Vision, in der sich Menschen näher kennenlernen, Generationen sich miteinander beschäftigen und verbinden, in der kommuniziert wird, anstatt heiße Luft aneinander vorbei zu blasen. Ich möchte eine Welt der freien Liebe, in der man für sich entscheiden kann, wen man liebt, wen man wie liebt, wen man wie viel liebt. Ich möchte eine Welt voll der Freiheit, die man sich jederzeit und überall nehmen kann. Für mich bedeutet Leben Freiheit. Ich möchte eine Realität, die zu schön ist, um wahr zu sein. Und doch. Man kann daran arbeiten. Versuchen, Stück für Stück, zumindest für sich selbst, diese Utopie verschwinden zu lassen, und daraus eine Realität, eine Wahrheit, eine Wirklichkeit werden lassen. Und glückt mir das eines Tages, werd ich singen. Lachen. Ich werd, das gibt’s nicht schreien. Weil ich werde auf einmal kapieren, worum sich alles dreht.


Maximilian Tonsern ist Diplompädagoge für Kindergarten-, Hort- und Früherziehung und Gedenkdiener an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin, 2011.