österreichisches kulturforum Berlin

Sternschnuppe

Hermann Broch
Die Intellektuellen und der Kampf um die Menschenrechte (1950)
Auszug

Nun haben wir ja tatsächlich einen heftigen Hang zum Utopischen. Wir verlangen von der Realität mehr als sie gemeinhin herzugeben bereit ist; wir sind voller »wishful thinking«. Aber vergessen wir nicht: »wishful thinking« in billionenhafter Vielfalt, anonym und kaum artikuliert, erfüllt jeden Weltaugenblick, greift in jedem Weltaugenblick die jeweilige Weltrealität an, trachtet sie zu verändern, und hiedurch, gerade hiedurch wird das Leben vorwärtsgetragen. Billionen anonymer Klein-Utopien bilden das Vehikel des Fortschrittes, und ihre Ver-dichtungsstellen nennen wir Revolution.

Der Intellektuelle ist ein Utopist, weil er der geborene Revolutionär ist. Denn im Gegensatz zu den materiellen Interessen des Bürgers (auch des proletarischen Bürgers) kennt der geistige Mensch nur ein einziges Interesse, und das heißt Erkenntnis und Menschlichkeit. Alle Revolutionen sind von der utopischen Menschlichkeit des Intellektuellen entfacht worden, haben sich unter seiner Führung gegen die Unmenschlichkeit erstarrter Institutionen gewandt, und jede siegreich gewordene Revolution hat ihn und die Menschlichkeit letztlich wieder verraten, hat in neuen Interessenvertretungen, in neuen Institutionalismen versanden müssen. So war es immer, so wird es wohl immer wieder sein, unweigerlich, und darum wird der Intellektuelle immer wieder zu seinem endlosen Kampf aufgerufen werden, ewig besiegt, trotzdem der ewige Sieger.

Der geistige Arbeiter, an sich der unpolitischste Mensch, ist demzufolge dauernd gezwungen, Politik zu wollen und zu betreiben, und er, der utopischste aller Menschen, erweist sich am Ende doch als Realpolitiker par excellence. Die initialen Immediaterfolge seiner politischen und geistigen Revolutionen sind, ungeachtet fürchterlichster Rückschläge, als Menschlichkeits-Fortschritt, als Verwirklichung von Menschenrecht in der Geschichte geblieben. Fortschritt beruht auf unmittelbarer Verringerung von Menschenleid, und gerade weil dieses zu einer geradezu unerahnbaren Gräßlichkeit angewachsen ist, muss aufs neue die Forderung nach Immediataktionen erhoben werden. Mit dem Versprechen einer Verwirklichung von Menschenrechten in fünfzig oder zwanzig, ja selbst nur in zwanzig Jahren ist uns nicht gedient; Wechsel auf lange Sicht sind in der Politik pure Augenauswischerei: hier gilt nur das hic et nunc, die sofortige Barzahlung. Unsere Utopien sind immediat und müssen es sein.

Es gibt Real- und Irrealutopien; wer von einem Zahlungsunfähigen Barzahlungen verlangt, befindet sich in einer Irrealutopie. Realutopien dagegen haben die Logik der Dinge zu berücksichtigen; sie sind an Tatsachen gebunden. Wenn wir heute Verwirklichung von Menschlichkeit suchen, so dürfen wir vor den Machtfaktoren der heutigen Weltpolitik nicht die Augen schließen. Und wir müssen uns klar sein, dass jede unserer noch so bescheidenen Humanitätsforderungen eine Bresche in das gegenwärtige unmenschliche Machtsystem legt, also im Grunde höchst unbescheiden ist, dies nicht zu verbergen vermag und daher mit schärfsten Widerständen zu rechnen haben wird.