österreichisches kulturforum Berlin

6 Österreicher unter den ersten 5


»Gleich am ersten Tag hatte ich einen Kölner kennengelernt, der seit einem Semester in Wien studierte: Hartmut, Erbe eines Spielzeugfachhandels. An der Uni hatte er mich angesprochen, »aus Deutschensolidarität«, wie er mir erklärte. Er wohnte am Getreidemarkt, ganz in meiner Nähe, und drückte mir gleich zur Begrüßung ein peinliches Vokabelheft in die Hand.

»Hier, kannst du gut gebrauchen. Steht alles drin. Hier!« Er öffnete das speckige Heft. »›Paradeiser - Tomate‹. Links steht das österreichische Wort, rechts das richtige.« Er sagte tatsächlich »richtige«. Ich runzelte die Stirn, aber Hartmut fuhr unbeirrt fort: »Also: ›Karfiol - Blumenkohl‹. ›Fisolen - Bohnen‹. ›Pickerl - TÜV‹. Oder hier, auch ganze Sätze: ›Treffen wir uns gleich da.‹ Wir Deutschen gehen dann ›später nach dort drüben‹, stimmt's? Der Österreicher trifft sich aber ›sofort hier‹. ›Gleich da‹ heißt hier ›sofort hier‹. Sogleich hier. Jetzt an diesem Ort.«

Er stammelte jetzt ein wenig, offenbar hatte er sich selbst im Sprachdschungel verirrt. Ich erlöste ihn.»Hab's verstanden, Hartmut. Danke. Prima Heft. Dann geb ich's dir gleich da wieder zurück, wenn's recht ist. Ich schlag mich schon durch, denk ich. Aber sehr nett, danke.«»Und wie heißen Fisolen in Kärnten? Na? Wie nennt der Kärntner die Bohne?«»Weiß ich nicht, Hartmut. Ess ich zur Not Möhren als Beilage.«»Karotten. Nicht Möhren. Und Erdäpfel, nicht Kartoffeln. Und die Bohne heißt hier Fisole, aber in Kärnten Strankalan.«

Autor: Dirk Stermann

Erschienen im September 2010, Ullstein Verlag Berlin

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